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LarpWiki: Meinung/Charaktertod/OpferregelUndGutmensch

Impliziert die Opferregel ein optimistisches Menschenbild?

Neulich hat in einer Debatte in einem Forum über den Charaktertod eine Schreiberin unterstellt, dass Befürworter der Opferregel ein positives Menschenbild hätten, während die Befürworter von Todesstößen und fremdbestimmten Charaktertoden ein negatives Menschenbild hätten.

Die Überlegung dahinter ist offensichtlich: Die Schreiberin bezieht die Sache mit dem Menschenbild auf das Opfer und sieht in der Opferregel eine Äußerung eines positiven Menschenbildes, da sie deren Befürwortern unterstellt, sie glaubten, dass alle Opfer bereit wären, im Sinne eines schönen Spiels abzutreten (wie etwa hier gefordert). Den Befürwortern eines fremdbestimmten Charaktertods wird offenbar unterstellt, sie wüssten, dass ohne einen externen Anstoß wenige den Charaktertod überhaupt in Erwägung ziehen und daher impliziere ein pessimistisches Menschenbild die Verwendung einer Todesstoßregel.

Man kann dieses Pferd allerdings auch genau von der anderen Seite aufzäumen, und zwar wenn man statt des Opfers den Täter betrachtet. Und wenn man ehrlich ist, ist diese Sichtweise wesentlich sinnvoller, da der Täter im Zweifel den wesentlich größeren Schaden anrichtet. Ein Mensch, der den Tod seines Charakters nicht akzeptiert und den Charakter einfach weiterspielt, stört ja letztlich niemanden wirklich. Er verletzt vielleicht des ein oder anderen Auffassung eines fairen Spiels, bringt ggf. etwas Unruhe in Form von unbedeutenden lokalen Inkonsistenzen in die Spielwelt ein und verursacht bestenfalls ein vages Gefühl der Enttäuschung beim Täter, aber eigentlich tut er keinem wirklich weh. Lediglich in ganz hartnäckigen Fällen, wenn ein Charakter über Jahre und Jahre immer wieder und wieder Situationen "überlebt", in denen klar ist, dass hier nur der Spieler seinen Charakter nicht loslassen kann, entstehen mglw. erhebliche Störungen. Wer allerdings einen anderen Charakter tötet, beendet für das Opfer das Spiel in dieser Rolle und macht ggf. individuelle Ausrüstung, eine laufende Geschichte und Pläne für die Zukunft zunichte.

Betrachtet man nun aber den Täter, ergibt sich bezüglich des Menschenbildes exakt die umgekehrte Bewertung. Immerhin sind die Befürworter des Todesstoßes Gutmensch genug, den Spielern zuzutrauen, dass ein Angreifer stets genügend soziale Kompetenz hat, den Todesstoß nur dann zu setzen, wenn dies irgendwie sinnvoll ist, während die Befürworter der Opferregel so wenig Vertrauen in die Menschheit haben, dass sie niemandem zugestehen, über andere entscheiden zu dürfen.

RalfHüls, 18.12.2005


Kategorie/Meinung