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LarpWiki: Meinung/Moral/GesinnungsProbleme

LarpMeinung: Gesinnung

Die Auswirkung der Gesinnung von Charakteren auf das Spiel ist eine zweischneidige Sache.

Als grobe Klassifikation, um den Charakter einschätzen zu können (z.B. für eine SL) oder als grobe Richtschnur, mit der ein Spieler sich vorgibt, wie er den Charakter tendenziell spielen möchte, finde ich die Chaotisch/Neutral/Rechtschaffen-Gut/Neutral/Böse-Matrix brauchbar.

Was mich vor allem stört, ist die Tatsache, daß sie sehr oft zu abstrakt als Vorgabe verwendet wird. Problematisch wird das, wenn der Spieler anfängt, den Charakter Dinge tun zu lassen, nur um die Gesinnung zu rechtfertigen und dabei eine tiefere Motivation vergißt. Die Überlegung ist zu oft nicht "Der Charakter ist <Gesinnung>, weil er <Aktion> macht," sondern eher "Der Charakter macht jetzt <Aktion>, denn er ist ja <Gesinnung>."

Selbst das wäre beim Entwurf eines Charakterkonzeptes noch zu ertragen, wenn die Vorgabe noch durch irgendwelche konkreten Ziele charakterisiert würde. Böse Charaktere wollen Geld, Macht, Kalif an Stelle des Kalifen werden. Gute Charaktere wollen Erleuchtung, Ehre, Frieden auf Erden und den Elfen ein Wohlgefallen.

Gerade bei Charakteren, die extreme Einstellungen vertreten, deutet sich aber oft an, daß außer der Klassifizierung in die Gesinnung nicht viel Konkretes zu bemerken ist.

Dieses Problem betrifft m.M.n. vor allem "dunkle" Charaktere, da ein Guter, der nach dem Grundsatz "jeden Tag eine gute Tat" agiert, nicht so sehr aneckt und weniger angestrengt wirkt.

Der Punkt (oder einer der Punkte, es gibt nämlich mehrere) ist meiner Meinung nach, daß literarische Bösewichter meistens immer noch ein inhaltliches Ziel ihrer Bosheit haben. Zu viele Charaktere im Larp aber sind böse, weil im Charakterblatt eine D&D-Gesinnung steht, bzw. man sich "die Dunkle Seite™" als Partei ausgesucht hat. Für zu viele Charaktere ist Moral eine Frage einer Vereinsmitgliedschaft. Manchmal scheint es auch, als ob manche Spieler von "bösen" Charakteren einen "Bösen" einfach mit einem geisteskranken Irren verwechseln, mit Handlungen ohne Rücksicht auf deren Konsequenzen (IT Logik), und ohne andere Motivation, als eben "böse" zu sein. Es gibt einige, die gerne "böse" spielen würden, bei denen aber nur "verrückt" dabei herauskommt.

Ganz fatal finde ich dann (wie hier auch schon wer sagte) das D&D-Prinzip, nachdem Gesinnungen von außen objektiv meßbare Eigenschaften werden, also durch Aurencheck und Zauber wie "Schutz vor Bösem" festgestellt oder manipuliert werden können.

Dieses Konzept führt nämlich dazu, daß Moral oder Gesinnung nur noch zu Parteimitgliedschaften verkommen und völlig willkürlich wirken. Fanatische Lichtfaschisten, die wahllos alles umsensen, was irgendwie "Böse" aussieht, sind eben nicht "gut", und sich alles erlauben zu können, solange es nur gegen die Bösen geht, wirkt unglaubwürdig. Dieses Problem betrifft vor allem "lichte" Charaktere, da bei einem Bösen hier Anspruch und Handeln weniger auseinanderklaffen.

So rennen dann die Bösen herum und tun ohne Sinn und Ziel Verwerfliches, nur um darzustellen, daß sie Böse™ sind, während die Guten gleichermaßen wie die Vandalen plündern, morden und brandschatzen, solange sie nur die Rechtfertigung haben, daß es ja wider das Dunkle geht.

Ein Versuch, der Gesinnungsproblematik zu begegnen, besteht aus einer weniger klischeegeladenen Anschauung, nämlich, daß die Gesinnung immer nur relativ zum eigenen Standpunkt interpretiert wird. Natürlich entspricht das der folgenden Sichtweise:

[Böse sind immer die Anderen]

Allerdings widerspricht diese Theorie dem leider zu verbreiteten Klischee, daß es in der Tat eine objektiv absolut meßbare Größe gäbe, die die Gesinnung repräsentiert. Und daß im Allgemeinen eine solche Meßbarkeit unterstellt wird, zeigt sich daran, daß mit so nützlichen Dingen wie magischer Gesinnungserkennung oder Aurenleserei gearbeitet wird.

Wenn man die Gesinnung zu einer relativen Größe macht, die nur in Bezug auf ein Referenzsystem interpretiert werden kann, entfernt man sich meiner Meinung nach deutlich von dem, was die Mehrheit der Rollenspieler unter einer Gesinnung versteht.

Was mir nicht paßt an diesem Modell, ist die Tatsache, daß Moral IMHO dabei dann wirklich nach dem Parteibuch entschieden wird.

In "der Literatur" ist es oft eine Eigenschaft der "Bösen", daß ihr Umgang eben auch untereinander nicht von "guten" Charakterzügen geprägt ist. Der Evil Overlord™ regiert seine Untergebenen eben nicht durch Milde und ist nur zufällig gegen Unsere Helden™ fies und gemein, sondern auch und gerade das Reich des Bösen wird durch Niedertracht, Gewalt und das Recht des Stärkeren regiert.

Ich denke, daß das die Klischees sind, an die der mythologische Erfinder der Gesinnung im Rollenspiel gedacht haben mag. Ich glaube auch nicht, daß in der Spielpraxis ein Trend zum Relativen bemerkbar ist. Bestenfalls erlebe ich einen Trend dazu, die Klischees durchbrechen zu wollen, indem "gute Nekromanten" oder sowas gespielt werden. Das wiederum stört mich aber oft, da es zum Klischee des absolut Bösen nun mal gehört, daß es den korrumpiert, der "böse" Mittel einsetzt, um Gutes zu tun.

Ich denke auch nicht, daß die Relativierung das Modell für die Praxis brauchbarer macht. Der von mir subjektiv empfundene Nachteil sind ja eben die Leute, die sich ihre "Gesinnung" in der Form zur Richtschnur machen, daß sie Dinge nur um ihrer Gesinnung Willen tun und dabei ein konkreteres Ziel vergessen. Ich sehe aber nicht, wie dieses Problem durch die Relativitätstheorie behoben werden könnte. Das Modell ist komplexer, da das Referenzsystem bei jeder Bewertung einer Tat oder eines Charakters mit definiert werden muß, bringt aber IMHO keinen praktischen Mehrwert.

Im LARP ist es wie auch in mittelmäßigeren Fantasy-Geschichten meiner Meinung nach so, daß trotz oberflächlicher Schwarz/Weiß-Malerei Moral doch eher eine Sache der Vereinsmitgliedschaft ist. Das Ergebnis sind zumeist leider eher unplausible Abziehbilder.

Ich entziehe mich dem Problem zumeist dadurch, daß ich keine "Gesinnung" wähle, diese auch in Charakterbögen nur unter Zwang angebe und das Handeln meiner Charaktere eher situationsbedingt steuere.

Ist ein Ceride, der nur in die Kirche geht, weil die Nachbarn sonst reden und der beim Ceridischen Fähnlein anheuert, weil die einen passablen Sold zahlen und man was erlebt und der in das Lager der Allianz oder des Silbernen Drachen zieht, weil der Herr Ritter das sagt, der aber ansonsten ein ausgemachtes Arschloch ist und ohne mit der Wimper zu zucken beim Kartenspiel bescheißt oder sich, wenn er glaubt, nicht erwischt zu werden, vom Dienst verpißt nun ein "Lichtie" oder ein Böser?

--RalfHüls, 2001-2004, NameEntfernt