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LarpWiki: Meinung/Sozialverhalten/SozialVerhalten

Sozialverhalten

Gelegentlich wird in Netzdebatten zum Thema LARP irgendwie impliziert, daß LARPer von ihrem Typus her besonders aufgeschlossen, kommunikativ oder liberal seien. LARP wird dargestellt als das Hobby des Miteinander und der Toleranz.

Ist das nicht eine etwas idealisierte Vorstellung? So sollte es sein. Larp ist aber auch ein Hobby der Selbstdarstellung, der Geltungssucht und folglich auch der Eifersucht auf den, der es besser versteht, sich darzustellen.

Ich kaufe einfach das Konzept nicht, daß Leute, die LARPen ipso facto bessere Menschen sind. Oder auch nur umgänglichere, geselligere oder kommunikativere als andere. Ganz zu schweigen davon, daß es weniger egoistische Leute sind als andere. Da LARP ein Hobby ist, daß hervorragend Gelegenheit zur Selbstdarstellung bietet, vermute ich hier eher eine höhere Konzentration von Leuten mit, sagen wir, starkem Ego.

Natürlich gibt es viele, denen das Gemeinschaftserlebnis gefällt, die kooperativ einen Plot lösen können, die sich freuen, wenn andere im Spiel Erfolgserlebnisse haben, die vielleicht sogar erkennen, daß es toll sein kann, "in-time" epische Fehlschläge zu erleiden.

Aber genauso tut es doch jedem Einzelnen von uns gut, wenn wir sehr persönlich Anerkennung einheimsen können. Selbst aufgeschlossene, kooperative Spieler/innen suchen sich die Leute, mit denen sie spielen, oft sehr genau aus. Und einigen (auch guten Darstellern) ist der persönlich empfundene Erfolg wichtiger als Gemeinschaft, Kooperation oder sogar Anerkennung.

Ich greife ja auch nicht die Selbstdarsteller an sich an. Ich denke, daß LARP von charismatischen, extrovertierten Persönlichkeiten lebt. Ich selbst finde mich oft viel zu zurückhaltend, um manche Rolle auszufüllen. Vermutlich spiele ich unter anderem deshalb meist lieber unwichtige Nichtskönner als den großen Heerführer.

Das mit der Selbstdarstellung ist aber so eine zweischneidige Sache. Man muß sich klarmachen, daß diese Persönlichkeiten nicht nur Vorteile haben, sondern erstens selber stören können, wenn die Selbstdarstellung für sie zum Selbstzweck wird, oder indirekt stören können, weil sie Neider auf den Plan rufen, die dann Konflikte verursachen.

Auf der persönlichen Ebene, die einige als "out-time" bezeichnen, und beteuern, daß sie die natürlich deutlich vom "in-time" zu trennen vermögen, sieht es oft nicht besser aus. Da wird über spielerische Qualitäten gelästert, das Ganze mit persönlichen Zu- und Abneigungen gewürzt und mit Streitereien aus dem "out-time" verquickt. Es werden Cliquen gebildet und Grabenkämpfe durch Wadenbeißerei ausgetragen.

Was aber soll man gegen diese Sachverhalte tun? Da bin ich leider auch überfragt. Ich wende mich in meinem Artikel nicht gegen diese beobachteten Tatsachen an sich, da ich nicht glaube, daß man das ändern kann. "Hell is other people." Ich wende mich nur dagegen, daß man, diese Mißstände ignorierend, die LARP-Szene zu einem harmonischen Haufen weltoffener Sympathen verklärt.

Es gibt alle Spielarten der menschlichen Tugend und Niedertracht auch im Larp. Und hier meine ich nicht unter den Charakteren, sondern unter den Spielern. Und die Trennlinie verläuft nicht scharf nach einzelnen Personen. Jeder einzelne von uns hat schon mal scheiße gespielt, Leute geschnitten, weil er sie "out-time" nicht leiden kann, sich übermäßig aufgespielt und vor allem lange und ausgiebig in der "Out-time-Blase" kräftig über Mitspieler gelästert. LARP ist ein Hobby des Gegeneinander und des "bähbäh".

Über allem aber schwebt das Richtschwert, das die Menge in gute Spieler einerseits und "Pappnasen" andererseits scheidet. Zu letzteren möchte natürlich niemand gehören.

Und so greift man allzu oft zu dem opportunen Mittel, jemand anderes, der sich durch ein Verhaltensmuster auszeichnet, das der Empirie zufolge vermeintlich oder tatsächlich häufiger mit "schlechtem" Spiel einhergeht, deshalb auszugrenzen, und sei es nur ganz allgemein und unpersönlich in Debatten abseits des Spiels. Damit stellt man sich ja schon eine Stufe über den Plebs denn (um mal eine Anspielung auf einen einheimischen Klassiker zu bringen):

"Gott sei Dank, ich bin nicht so."

--RalfHüls, 2002


Siehe auch Soziale Kompetenz, LARPer sind doof