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Larpmeinung: Antithesis (oder Humanismus und Subversion im LARP)

Das Rollenspiel hatte schon immer einen subversiven (gegen die Gesellschaft gerichteten) Charakter. Das Spiel mit Rollen, mit Charakteren ist immer auch ein Selbstbildungsprozess, ein Prozess in dem wir uns Alternativen zu uns selbst bewusst werden und zumindest unterbewusst unseren eigenen Charakter hinterfragen und somit erst bilden. Die Alternativen zeigen sich jedoch nicht nur in Charakteren, sondern auch in unterschiedlichen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen, insgesamt also in Alternativen der Wahrnehmung, der Weltsicht.

Bildung, Alternativen, Freiheit und Fantasie, die die Grundlagen des Rollenspiels sind, stehen im direkten Widerspruch zur zur Gesellschaft erstarrten Rationalität der Ökonomie und bildet somit eine der letzten Manifestationen des Humanismus, der sich selbst im Bildungssystem nur noch als leere Floskel findet.

Rollenspiel ist ein Spiel der Freiheit, denn es überwindet selbst Raum und Zeit ebenso leicht wie das Gesetz der Kausalität. Rollenspiel ist aber auch ein Spiel des Handelns, die Charaktere handeln ständig und verändern dadurch die Welt, welche wiederum auch die Charaktere und letztlich die Spieler selbst verändert. Deutlich unterscheidet sich dieses Handeln vom Film, in dem Handeln lediglich in starren Invarianten simuliert wird um zu zeigen, dass es Handeln in der Welt noch gibt. Denn im Rollenspiel ist das Handeln stets von der Wehmut ergriffen (die viele mit Realitätsflucht verwechseln) dass es Handeln und Widerstand, letztlich also Freiheit, in der wirklichen Welt nicht gibt. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, nur in unserer Fantasie, aber allein die Vorstellung von Freiheit hat eine enorme emanzipative (befreiende) Kraft.

Die Rache der Gesellschaft

Dieser Anspruch von Freiheit und Gleichheit, denn LARP ist ein Spiel, dass man bis hin zum Kampf gegeneinander nur miteinander und in Harmonie mit den Mitspielern spielen kann, ist nur noch rudimentär vorhanden. Er ist abgelöst durch die Manifestation der gesellschaftlichen Realität dessen Antithese er einst war. Die neue Generation von LARPern kennt Rollenspiel nicht mal mehr als Anspruch. Selbst der Kampf, einst ähnlich dem Tanzen ein Ausdruck tiefster Harmonie und Zusammenspiels mit dem Partner, ist einem hektischen Gezappel nach Punkten gewichen, dessen Auswirkungen man nach jedem größeren Con an der Zahl der verletzten NSCs ablesen kann (und der Art der Verletzungen).

Woher kommt aber dieses "Gewinnen wollen"? Was liegt ihm zugrunde? Zwei Dinge sind es, die zum "gewinnen wollen" führen. Das eine ist der Versuch gescheiterter Existenzen (oder Persöhnlichkeiten), im LARP das zu erreichen, was ihnen im realen Leben nicht gelungen ist - Macht, Erfolg und Anerkennung. Das LARP also gleicht sich der Gesellschaft an. Es gibt plötzlich Gewinner und Verlierer, oben und unten. NSCs und andere Spieler sind nichts weiter als Hindernisse auf dem Weg zur Macht, alle Menschen im LARP werden also zu Objekten der eigenen Selbstherrlichkeit degradiert. Der "Gewandungsnazi" ist demnach nichts weiter als ein LARPer, der auf einem anderen Feld "gewinnen will" und andere erniedrigt um sich selbst erhöht vorzukommen.

Das andere Prinzip, was dem zugrunde liegt, ist die Schematisierung der Gesellschaft selbst. Die industrielle Produktion hat die Güterproduktion völlig ergriffen und geht mehr und mehr gegen den Geist, die Wissenschaft, das Leben insgesamt vor. Von den Stereotypen der Arbeit fliehen wir in die Stereotypen der Freizeit, die wir zugleich immer mehr der Arbeit angleichen, bis wir nichts betreiben als Freizeit(kultur)industrie. Das Resultat dieses Prozesses, der zur Zeit mit Macht auf die letzten Fetzen der Bildung sich stürtzt, sind Menschen die World of Warcraft für ein Rollenspiel halten und denken, das Anhäufen von Erfahrung und Gegenständen zum eigenen Vorteil wäre Rollenspiel. Einen Vorwurf kann man ihnen freilich nicht machen, denn was will man von denen erwarten, die nichts kennen als die eisige Kälte des Kapitals. Mir fehlt das Vokabular um meine Verachtung auszudrücken über die Äußerungen, die sich aus solchem Ungeist ergeben: "Ich bin hier Kunde ich hab dafür bezahlt und ich will jetzt eine Gegenleistung" & "Ich bin hier um bespaßt zu werden". Unfähig scheinen solche Menschen auch noch zur kleinsten Beziehung, die nicht über das Geld geregelt ist. Der Gedanke, dass alle zusammen kommen um gemeinsam Rollenspiel zu spielen, kommt ihnen nicht einmal. Durch solch eine Sicht wird das Rollenspiel, als Teil der (Sub)Kultur, auch als Entwurf einer alternativen Gemeinschaft zu einer plumpen Ware degradiert. Menschen, die nichts anderes wollen, als ihre Fantasie mit anderen zu teilen werden so zu raffgierigen Händlern degradiert, die nichts als den eigenen Vorteil wollen - und mit ihnen zusammen alle Mitspieler und NSCs mit denen man das Con hätte spielen können.

Orgas machen genau wie Spieler und NSCs ihre Fehler, und Kritik daran zu üben ist richtig. Aber ihnen pauschal eine raffgierige Händlernatur zu unterstellen heißt, sie als Rollenspieler und somit das Rollenspiel selbst zu verhöhnen und zu einem billigen Markttreiben zu degradieren. Nichts anderes fordere ich, als alle Mitspieler in ihrem Anspruch als Rollenspieler ernst zu nehmen und ihnen den daraus folgenden Respekt zu erweisen. Aber Respekt vor unseren Mitmenschen setzt voraus, diese als Subjekte, und auch sich selbst als Subjekt zu sehen und anzuerkennen, etwas, was in unserer Gesellschaft heute die wenigsten lernen.

Die Ratio in dir

Der wahre Ungeist der mechanisch technischen Ration (also der technischen Rationalisierung), der seine finstren Klauen bereits tief in weite Teile der LARPwelt versenkt hatt, lässt sich jedoch weniger am vielgescholtenen Mytholon erkennen (das zum ersten mal LARPAusrüstung industriell fertigte), als vielmehr in den kommerziellen Großcons Drachenfest und Conquest.

Das Drachenfest, zu Beginn noch ein Spiel, das sich aus der Diplomatie und den Intrigen der verschiedenen Lager untereinander entwickelte (wobei es schon immer an einer gewissen Inhaltsleere krankte) ist zu einem bezuglosen Konstruieren der nächsten Großschlacht (gepaart mit Gewandungssaufen), die problemlos als Sinnbild dafür herhalten können, wie schöne Kämpfe nicht aussehen. Wie stark sich der unselige Gedanke festgesetzt hat, dass letztlich alles käuflich ist, offenbarte sich an Randerscheinungen, wie der Tatsache, dass Rangkarten sowie Magiekarten massenweise im Spiel gekauft wurden. Natürlich ist Rollenspiel dennoch gerade auch auf Großcons möglich, nur findet es außerhalb der Regel statt.

Noch viel drastischer erweisen sich jedoch die Ausprägungen der Kulturindustrie auf dem Conquest. Es spielt sich fast schon tatsächlich wie WOW. Die Geschichte, die einst noch das Conquest in positiver Weise vom Drachenfest abhob ist einem absolut bezuglosen "Questen" gewichen. Selbst die oberflächlichste Konstruktion eines Zusammenhangs schien den Machern des Conquest noch zuviel. Bezuglos und sinnlos werden den Spielern lächerliche Aufträge gestellt, die weder Verbindung zu ihrem Charakter noch zu irgendeinem anderen Sinn offenbaren. "Gequestet" wird alein der Queste wegen, die sich ebenso inhaltsleer offenbart wie das ganze Spiel.

Auch viele andere Cons folgen dem Muster dieser Stereotype und keiner ist wirklich frei davon. Dieser Gefahr müssen wir uns bewusst werden, und wieder den Inhalt über die Form setzen.

All das wissen erfahrene LARPer zumindest unbewusst. Die Folge daraus sind Abwehrreaktionen der verschiedensten Art: Einige hören gleich ganz auf, verlieren ihren Bezug zum Rollenspiel oder denken, dass es zumindest in großen Gruppen nicht länger möglich sei. Andere klammern sich krampfhaft an das, was sie verlieren. Die Folge sind Ausschlussverfahren. Gespielt wird (bei der Zunahme von Einladungscons sogar im wahrsten Sinne des Wortes) rein exklusiv. Begibt man sich dann doch mal auf einen Con mit Menschen mit anderen Sichtweisen und Perspektiven, so benutzt man andere Mechanismen, die ausschließend wirken. Dies reicht von der Verordnung der perfekten Gewandung, unter der man mit niemandem spielt, über 24/7 Intimezeiten, die eifersüchtig überwacht werden, bis hin zur brachialen Konsequenz, die immer schon etwas Barbarisches hatte, als Gegenreaktion auf das inhaltslose, konsequenzlose Dahinplätschern der Mehrheit. Dies alles hat seine gewisse Berechtigung, und doch könnte es falscher nicht sein, diesen Tendenzen in uns nachzugeben. Durch die Verordnung von Regeln und Standards, an die wir uns verzweifelt klammern wie ein Ertrinkender an den Strohhalm, verschieben wir das LARP selbst in den Bereich des Administrativen. Wir berauben das Larp seiner Freiheit und Fantasie, und ersetzen es durch starre Strukturen, die wir noch anbeten, wie die Omnianer ihren durch sie selbst getöteten Gott (vgl. Terry Pratchet "einfach göttlich). Das Leben lebt nicht, nichteinmal mehr in unserer Fantasie.

Hinwegtäuschen kann uns dieses Klammern an starre Regeln jedoch nicht über die bittere Erkenntnis, die allen von uns klar ist: dass wir etwas verloren haben. Dieses etwas ist die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der wir einmal spielten. Diese ist verschwunden, denn dafür brauchte es Freiheit und Gleicheit, den anderen wie sich selbst als Subjekt zu begreifen, dass über allen Regeln steht. Und sie scheint verloren für immer; denn wer soll sie den neuen beibringen, wenn nicht mehr wir? Im Fernsehen läuft sowas doch nicht.

Sei die Antithese

Was sich im LARP wie auch in der gesamten Gesellschaft offenbart ist die schleichende, ökonomisch rationalisierte Gleichschaltung, die nichts anderes tut als den immanenten (in sich selbst enthaltenen) Gesetzen des Kapitals zu folgen. Menschen werde von Subjekten zu Objekten des Marktes, Kunde, Verkäufer, letztendlich Ware. "Was bekämpft wird ist längst geschlagen, das denkende (und handelnde) Subjekt" (Adorno). Der Humanismus verliert seinen Bezug (den Menschen) und verkommt zur inhaltsleeren Ideologie. LARP ist ein Spiel in der Gesellschaft und lässt sich von Gesellschaftlichen Problemen nicht trennen. Was einst als Antithese, als herrschaftsfreier Kulturraum, Sinnbild einer Kultur von unten, sich bildete, verkommt zu nichts weiter als einem weiteren Markt. Zivilgesellschaft und somit Kultur kann es aber nur dort geben, wo Markt und Staat nicht sind.

Wenn wir das, was das Rollenspiel einst war erhalten wollen, so müssen wir uns entschieden gegen diese Tendenzen wehren. Nur, wenn wir uns selbst, wie unsere Mitspieler (und NSCs, Orgas...) wieder primär als Menschen und nicht als Objekte unseres eigenen Ehrgeizes sehen, können wir wieder spielen. Das bedeutet auch das zu tun, was eigentlich die Essenz des Rollenspiels ist, sich in andere hinein zu versetzen und den Menschen mit all seinen Fehlern und Sehnsüchten in ihm zu sehen. Der NSC bin ich, der Mitspieler bin ich, die Orga bin ich.

Was aber ist die Konsequenz daraus? Spielt, aber vor allem spielt inklusiv, nicht exklusiv, spielt mit anderen und für andere und nicht nur für euch selbst. Fangt wieder an Geschichten zu entwickeln, ebenso wie Konflikte und zieht andere mit hinein. Nicht als Objekt eures Handelns oder eurer Konsequenz sondern als gleichberechtigten Partner, der wie ihr der Geschichte Substanz und Tiefe verleihen. Anders lässt sich die LARPwelt nicht verändern als durch gute Beispiele. Was oft (verständlicherweise auch) als Spaltung gefordert wird ist nichts anderes als eine Abwehrreaktion, letztlich ein Ausschließen, was immer schon die Tendenz des Faschismus in sich trug. Denn in was ihr Spalten wollt, gibt es nicht (oder zumindest zum Glück noch nicht): starre Stereotypen, die sich scheinbar feindlich gegenüber stehen. Das was uns alle verbindet, ist das Rollenspiel. Auch wenn es viele verschiedene Ansichten darüber gibt, was das bedeutet, so beinhaltet es immer, solange ich es noch Rollenspiel nenne, den oben formulierten Anspruch, zumindest unbewusst.

Natürlich gibt es (manchmal sogar unvereinbare) Unterschiede, zwischen High Fantasy und Low Fantasy, High Power und Low Power, Mittelalter, Fantasy, SciFi und Western. Aber allem gemein ist der Anspruch des Rollenspiels, und somit gehören alle auch zur selben Szene und verdienen den daraus resultierenden Respekt. Wenn wir uns all dies bewusst werden und (man kann es nicht oft genug sagen) einander als Rollenspieler und Menschen respektieren, dann gelingt es uns vieleicht auch über unsere allgegenwärtigen Makel lächelnd hinweg zusehen. Über die blauen Turnschuhe, genauso wie über den versehentlichen Kopftreffer oder den lächerlichen Charakter.

LARP ist, wenn man trotzdem spielt!

gezeichnet ein (angehender) Lehrer, Sozialwissenschaftler und Philosoph

(Ich schreibe diesen Text bewusst ohne Urheber oder Pseudonym, denn dadurch ist er entwendet. Es steht euch frei damit zu tun was ihr wollt, zitiert ihn oder auch nicht. Fasst es auf als einen Beitrag zur Abschaffung des geistigen Eigentums. Rechtschreibkorrektur oder Verbesserung von Optik oder Struktur sind ausdrücklich erwünscht)


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