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Religionen/Ceridentum/gedanken

Gedanken zum Ceridentum

Ein paar tolle Personen haben 2025 angefangen, sich näher mit dem Ceridentum zu beschäftigen. Sie spielen nicht nur klerikale, sondern auch weltliche Charaktere, für deren Spiel sie gerne etwas mehr ceridisches “Fleisch” wollten. Deshalb wurden von verschiedenen Seiten gute Fragen an die etwas bekannteren Spieler ceridischer Geistlichkeit gestellt. Zu ein paar Themen, die dabei aufkamen, möchte ich hier meine persönlichen Gedanken zur Verfügung stellen.

1. Ein Kind des Larp-Wiki

Bevor wir uns irgendwelche Gedanken zum Inhalt des Ceridentum machen, sollten wir uns im Klaren sein, dass die aktuelle Form des Ceriden-Spiels verwoben mit dem Geist des Larp-Wiki und den Diskussionen in LARP-Internet-Foren der 2000er ist (die eigentliche Entstehung ist ehrlicherweise noch etwas älter).

Es ist natürlich möglich Ceridentum anders zu spielen, aber wenn jemand die Spieler hinter aktuell zentralen Figuren fragt, schwingt bei allen Antworten die damals ausdiskutierte (oder je nach Ansicht ausge-troll-te) Spielphilosophie mit:

Die Hüls’schen zwei Regeln - go look it up! Eine Ablehnung von Hintergrundentwicklung um seiner selbst willen und die im Zweifel bewusste Anpassung von Hintergründen an aktuelles Spielziel, Spielsituation und Spielumfeld nach dem Motto “Larp is auf’m Con.”.

In diesem Geist ist das Ceridentum gedacht als ein Werkzeug für Spiel. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich ist es kein Multi-Tool für alles Mögliche, sondern ein recht spezialisiertes Werkzeug für historisch inspirierte Charaktere und Hintergründe. Aber es ist ein Werkzeug, das benutzt werden soll und mit dem man im Zweifel auch eine Flasche öffnen kann. Das Ceridentum soll das Spiel bereichern. Ich bin davon überzeugt, dass es das in sehr vielen Situationen tut. Aber wenn es das nicht kann, ist dir niemand böse, wenn du zu einem anderen Werkzeug greifst. Das Ceridentum ist nicht “das beste Werkzeug von die ganze Welt”, aber verdammt guter Klappspaten: Wenn du versuchst, mit deinem Löffel zu graben, werden dich einige Leute fragen, warum du denn nicht den Klappspaten nimmst.

2. Einfacher Rahmen mit Raum für realistische Komplexität

“Was ist richtig?”, “Was gilt?”, “Was sind neben den Inhalten im Larp-Wiki die Materialien und Hintergründe?” und andere Varianten sind die meistgestellten Fragen, von denen ich etwas mitbekommen habe.

Löst euch von einem deterministischen Meta-Worldbuilding-Gedanken wie bei DSA, in dem ein Redaktionsteam “Die Wahrheit” und “Die Metaphysik” oder gar “Den Plot” festgelegt hat und es daher eine Wahrheit im Hintergrund gibt, mit der alles abgestimmt werden muss und mit der nichts im Widerspruch stehen darf. Das Ceridentum in seiner aktuellen Form funktioniert grundlegend anders.

Trennt in eurem Kopf den OT-Faktor Ceridenspiel und was man dafür braucht vom IT-Faktor einer ceridisch beeinflussten imaginären Welt.

Die imaginäre IT-Welt ist “realistisch” gedacht: Religion und Kirche funktionieren und funktionierten auch in der Realität über lange Zeiträume ohne direkte Intervention greifbarer Götter. Selbst (oder gerade ) mit einem “abwesenden Gott” bauen Menschen sich ihre Strukturen und Wahrheiten. Das gestehe ich auch den Menschen in der IT-Welt zu: Ob es physisch/metaphysisch den Einen wirklich gibt, ist für Anziehungskraft, Macht und Form der ceridischen Kirche ehrlicherweise völlig irrelevant.

Ein weiterer Aspekt diese “realistischen” Idee der IT-Welt ist Vielfalt und Uneinigkeit trotz proklamierter Einigkeit: Wie jede echte vormoderne Religion ist das Ceridentum voller paralleler Lehren, theologischer Diskussionen, Sachzwängen, sozialen Konventionen, Kirchenpolitik, Spiritualität, Traditionen und generell einer großen Zahl von teilweise sehr begabten Menschen, die irgendwas mit ihrer Zeit und ihrem Leben in Bezug auf das Ceridentum tun. Ein wuseliger Clusterfuck ohne moderne Fernkommunikation und mit nur beschränkter Schriftlichkeit, in der vieles auf persönlichen Kontakten beruht.

Können wir das als Hobby-Menschen irgendwie abbilden? Nein. Weder als kleiner Kreis von Hintergrundschreibern, noch in unseren zeitlich begrenzten Spielmomenten werden wir das jemals wirklich hinkriegen. Und das ist nicht schlimm, denn es scheitern ja auch voll ausgebildete und auf Professorenstellen sitzende Kirchenhistoriker regelmäßig daran die historische Kirchen und Religionen voll zu erfassen. Deshalb probieren wir es nicht. Wir gehen einfach von dieser realistischen Welt im Hintergrund aus und legen gerade deshalb abseits von Rahmen und Zielen möglichst wenig fest, außer, dass es im Detail kompliziert ist.

Das nimmt etwas Sicherheit im Spiel, bedeutet innerhalb des Rahmens, der Grundidee und einer Vorstellung von realistischem menschlichen Verhalten, aber eine ungemeine Freiheit.

Dieser Rahmen ist im Wesentlichen das Material im Larwiki. Sein Zweck ist es Ceridenspiel im Larp zu ermöglichen: Wenn eine Person Kechte/Mägdespiel ein wenig ceridisch würzen möchte, dann reicht “Zu allen Zeiten”, ein Augenkreuz, das Konzept der Seelenwägung und die Lieblingsheilige. Für die Ambitionierten kommt dann noch das Oh Einer, Kenntnis der großen Heiligen/Orden und ein Teppich dazu. Umgekehrt muss Geistlichkeit auch nur genau diese Dinge anstupsen und ein wenig mehr Tiefe (und Service) bieten, um erfolgreich “ceridisch” zu sein.

Denn sind wir ehrlich: Tiefe theologische Dispute sind so selten, dass es sich schlicht nicht lohnt, dafür Material zu schreiben. Wenn ihr nicht gerade Lust drauf habt und euch grundsätzlich in der Lage dazu seht, das auf Basis des Rahmens zu improvisieren, dann würden es euch in diesem Moment auch nicht helfen, dass es lange Texte gibt, die ihr im Zweifel nachschlagen müsstet. Dann ist die Diskussions-Szene für euch in diesem Moment einfach keine schöne Szene und es ist für alle besser, wenn ihr euch aus der Szene nehmt oder diese abkürzt.

Und wenn ihr mit Rahmen und Grundidee im Kopf improvisiert - also *gasp* spielt - dann wird euch das niemand ankreiden. Im Haus des Einen gibt es viele Zimmer. Im Zweifel ermahnt man euch vielleicht einer nicht ganz sauberen Nischenlehrmeinung anzuhängen. Oder es wird mehr oder weniger augenzwinkernd angemerkt, sowas bloss keinen Bannkreuzer hören zu lassen. Aber außer, wenn es OT abgesprochen ist, wird mit euch praktisch niemand in eine IT-Konfrontation gehen (Einschränkungen: blöde Situationen können sich trotzdem entwickeln). Wie oben angemerkt gilt aber: Theologie ist eine sehr spezielle Nische im Spiel und auf Con hat man meist schlicht anderes zu tun. Deshalb ist es sehr ceridisch, sich dazu nicht zu viele Gedanken zu machen.

Und zu den bestehenden Texten und Meinungen: Ceridentum besteht neben dem Rahmen und den Zielen nur aus Interpretationen einzelner aktiver Spieler und Überlieferungsresten einer Hand von älterer Spieler/Schreiber. Sie sind teilweise gutes Arbeitsmaterial, aber sie bilden keinen echten “Kanon”. Und das ganz gewusst, denn die lebendige Vielfältigkeit einer echten Kirche und Religion könnten wir, selbst wenn wir es wollten, nicht abbilden.

So ist Realismus unser Joker für freies und letztlich befreites Spiel.

3. Mittelalterlich-christlicher Look and Feel ohne christlichen Zeichen, Dogmen oder Sakramente

Was ist der Kern des Ceridentums?” ist auch so eine Frage. Und die Antwort ist nicht IT sondern OT. Einer der wichtigsten Kerne des Ceridentums ist: Wir wollen Look and Feel einer historisch europäisch-mittelalterlichen Religion und Kirche haben - also das Christentum. Zugleich wollen wir potentielle Spielbrüche und Missverständnisse durch ein Verschwimmen von IT- und OT-Religion möglichst verhindern. Ein OT-christlicher Ork-Spieler soll ohne Bauchschmerzen einen ceridischen Priester IT beschimpfen und sein heiliges Symbol in den Dreck treten können. Und IT-Klerus soll ohne Angst eine echte Religion zu karikieren ihr Spiel machen können.

Das Ceridentum soll und muss deshalb gerade eben nicht inhaltlich-christlich sein. Wenn wir Geistlichkeit spielen, ist das unsere größte Herausforderung: Historisch-christlich wirken, aber immer wieder aktiv die Unterschiede betonen und die Handbremse ziehen, wenn es zu christlich wird. Das ist schwer, denn christliche Themen sind bei vielen Spielenden tief verwurzelt, aber es ist nötig. Rahmen und Grundidee ist:

  • Viel Auge, wenig Kreuz. Ältere Materialien zeigen manchmal Augenkreuzvarianten mit sehr kleinen Augen. Das vermeiden wir. Das Auge sollte das dominierende Element sein. Spielende von Geistlichkeit sollen keinesfalls als Geste “das Kreuz schlagen” und niemand sollte sich bekreuzigen.
  • Es gibt keine Sünde. und erst recht keine Erbsünde: Es gibt Verfehlungen, weil Menschen nunmal leicht verführt werden und manche sind schlimmer als andere, aber wir nutzen das Wort “Sünde” nicht.
  • Es gibt keine Gnade und Vergebung: Der Eine ist der absolut gerechte Richter und es gibt im Ceridentum keine Jesus-Figur, die irgendwelche Sünden hinweggenommen hat. Nach dem Tod wird die Seele auf der Seelenwaage des Einen gewogen. Wer sich da gut macht, steht in der Gunst des Einen, aber die Worte “Gnade” und “Vergebung” nutzen wir nicht.
  • Es gibt keine Sakramente. Priesterlicher Segen auf, z.B. Hochzeiten ist wichtig, eine Erleuchtungsfeier ist toll und man kann sich von Geistlichkeit in einer diskreten “Wägung” beraten lassen, was sie zum Ausgleich bestimmter böser Taten empfehlen (ohne Vergebung!), aber nicht davon ist Sakrament oder in sich heilig. Sie alle sind sehr bewusst menschliche Dinge.
  • Es gibt zwar die Königreiche der Himmel, wo die Heiligen schon beim Einen und seinen Gotteskindern sind. Es gibt die Feuer des Bozephalus, in denen die verwerflichsten Seelen gemartert werden. Aber dorthin zu kommen ist selten und nach der Wägung gehen die meisten Seelen in die Wiedergeburt in einem zu ihrer Wägung passenden Stand. Niemand kommt wegen normalen Verfehlungen in die Hölle oder in den Himmel. Wenn möglich, meiden wir die Begriffe “Himmel” und “Hölle”.
  • Es gibt mit der Lumina Prima im Hintergrund zwar ein heiliges Buch, dieses spielt aber im Alltag und im Spiel keine Rolle. Es ist auch nicht ausformuliert (die Auszüge im Larpwiki sind auch nur Werkzeuge und nicht bindend), sondern im Spiel offen für Improvisation. Das Ceridentum ist keine richtige Buchreligion und religiöse Texte (und Heiligenbildchen) werden zwar verehrt, sind aber nicht “Wort Gottes”. Radikale im Ceridentum sollen und können sich also nicht “auf die Schrift” beziehen. Das Ceridentum kennt kein “sola scriptura”.
  • Es gibt Grenzbereiche. Formen von Ritualen, liturgische Kleidungsstücke (selbst ohne christliche Symbolen drauf), gesungener Vortrag von Texten in “Kirchentönen”, Arten zu predigen: Vieles kann sich für manche Personen “zu echt” anfühlen. Das werden wir aber nie ganz auflösen können. Meine persönliche Meinung ist, dass das mittelalterliche Christentum genug Anknüpfungspunkte bietet, um in allen Bereichen für moderne Menschen zugleich vertraute und ”exotische” Elemente zu finden. Die Mischung macht es. Lieber einen auch heute noch genutzten mittelalterlichen Kirchenton singen, als im modernen Pastoren-Duktus von der Liebe Gottes sprechen.

Das allgegenwärtige Bestreben, christlich oder gar katholisch zu sein, ohne christlich zu sein, ist letztlich ein weiterer Joker: In diesem Zug lassen sich sehr elegant Inhalte wie Antisemitismus, Homophobie und Sexismus als Religionsthemen rausschmeißen. Keine Angst, es bleiben auch so noch genug antagonistische Spielansätze im Ceridentum. Es ist nur Konsens, dass wir keine OT-Arschlöcher sein wollen.

4. Mit Kirche spielen, aber ohne Kirchen spielen

“Was kann ich als Frau spielen?” “Welchen Rang hat mein Charakter? Wie ist die Hierarchie, wer darf mir was befehlen?” sind Fragen, auf die ihr wieder keine “offizielle” Antwort kriegen werdet. Es gibt ein paar Rahmen-Ideen, die sich ergeben haben, weil Spiel nunmal auf Cons durch Larper stattfindet. Es sind keine Hintergrund-Wahrheiten, sondern Konventionen, die aus Spielerfahrung entstanden sind. Einige Konventionen werden in bestimmten Konstellationen sogar bewusst ignoriert. Das muss dann aber nach einem tatsächlichen generellen Konsens dann auch gut umgesetzt passieren. Erfreulich oft gilt im Ceridenspiel “Wenn es geil umgesetzt ist und im Spiel funktioniert, dann spielen wir mit und integrieren wir es in unseren Hintergrund, falls es uns cool genug vorkommt.” - Allerdings im Vorfeld immer mit “In unserer Erfahrung ist vieles als Idee im Kopf viel geiler, als in der Umsetzung auf Con.” Deshalb die Tendenz dazu niedrig zu stapeln:

  • Priesterrollen werden IT zwar traditionell männlich besetzt und Ehen sind ihnen verboten, aber das sind keine religiösen Dogmen. Es sind aus sozialen Traditionen einer patriarchalen vormodernen Gesellschaft entstandene Zustände ohne religiöse Legitimation, die OT nicht bindend und IT herausgefordert sind. Genau genommen steckt darin auch eigentlich die männlich geprägte Larp-Szene der 90er und 2000er. Dass es mit den Lucrezianierinnen nur einen Frauenorden gibt und in den Ordensbeschreibungen keine Frauen und Frauenkleidung erwähnt wird, heißt nicht, dass es in anderen Orden keine Frauen gibt. Es gibt sogar Menschen, die “Die Eine weilet unter uns” sagen - unüblich, aber nicht verwerflich.
  • Es werden keine Kirchenpositionen über “Priester” als Spielerrollen bespielt. Etwas über Priester zu spielen ist abseits von sehr spezifischen Cons aus unserer Sicht nicht mit der Larp-Realität vereinbar. Schon die spielerische Verantwortung und der Aufwand der Inszenierung sind es abseits entsprechender NSC-Auftritte schlicht nicht wert. Das Beispiel von Bischof Haderast als Oberhaupt des Pilgerlagers auf dem Epic Empires zeigt, dass selbst die derzeit beste Umsetzung enorme spielerische Selbstbeschränkung und große Unterstützung durch die Umgebung braucht. Es gibt für alle mehr Platz für Abenteuer und Improvisation, wenn sowas die Ausnahme bleibt.
  • Daraus folgt: Die genauen Hierarchien oder gar aktuellen Machtverhältnisse innerhalb der Kirche sind absichtlich nicht ausgearbeitet. Wenn fast alle Priester auch Ordensleute sind, wie verhalten sich Äbte und Bischöfe zueinander? Wie funktioniert eigentlich das Prätorium Hilarii? Wer hat wem etwas zu sagen? - Für das Spiel letztlich egal. Wenn auf irgendeiner Con mal was dazu behauptet oder gespielt wurde, kann man drauf aufbauen, oder ihm widersprechen. In der “realistischen” IT-Welt gibt es bestimmt eine Strömung, die das anders sieht. Und im Spiel ist vor allem wichtig, dass es Spiel erzeugt. Erwartet keine ausgearbeitete Kirchenpolitik und bespielt keine ausgearbeitete Kirchenpolitik. Keine andere Rolle ist eurem Charakter gegenüber wirklich weisungsbefugt. Im Zweifel kann man sich vor dem Orden auf einen Bischof und vor einem Bischof auf den Orden berufen - und als Laie ist die weltliche Lehensbindung natürlich immer das Ass im Ärmel. Wenn aber doch mal eine höhere Figur als NSC auftritt, dann lohnt es sich trotzdem mitzuspielen, weil deren Weisungen sehr wahrscheinlich genau für uns als Ceridenspieler gedacht sind, um Spiel zu generieren.
  • Es gibt Inquisition, aber sie ist wie im realen Mittelalter der innerkirchliche Versuch, als “gefährlich” im Sinne von spalterisch angesehene Lehren zu bekämpfen. Meistens, indem man den entsprechenden Klerikern innerhalb der Kirchenhierarchie droht, damit sie ihre Aussagen zurückziehen und danach den Mund halten. Folter, Verurteilungen als Ketzer und Verbrennungen kommen in der Idee der Idee einer “realisitischen” IT-Welt vor, betreffen aber so gut wie nie Laien (also Nicht-Priester / Nicht-Ordensleute) und sind vor allem nichts, was Spieler von sich aus anstoßen. Gute IT-Inquisition ist ein Mannschaftssport, bei dem das ganze Stadion eingebunden werden muss: Orga, SL. NSCs. Kein ceridischer Laie sollte im Spiel nach Inquisition rufen.
  • Da es im Hintergrund natürlich Kirchen, Kapellen, Kathedralen und Klöster gibt, diese aber auf Con meistens nicht vor Ort sind, spielen wir eigentlich immer eine Ausnahmesituation. Ceridisches Spiel darf improvisiert sein, denn eigentlich findet Kirchenleben im Normalfall in und um Kirchen statt. Alle haben immer die Möglichkeit, Glaubens- und Kirchenspiel ins OT zu schieben: “Das sollten wir in einer richtigen Kirche machen.” “Da muss ich in der Bibliothek nachsehen.” “Lass uns das vor dem Prior diskutieren.”, “Ich will nicht respektlos sein, Herr, aber sowas lasse ich lieber unseren Dorfpriester machen. Der kennt meine Familie.” .
  • Seelsorge ist modern, Rituale sind ewig. Larp hat meist nicht die Zeit für echte Seelsorge und die Charaktere (und ihre Spielenden) nicht die Kapazität dafür. Wenn echte tiefe Gesprächsmomente entstehen, dann können sie großartig sein. Auch eine sehr naiv-bäuerlich gestellte Glaubensfrage an den Klerus kann witziges Spiel ergeben. Aber neben dem Spiel, das wir anbieten, sind wir eben alle auch Statisten für unsere Mitspieler und das Ceridentum kann das hervorragend durch Rituale und Außenwirkung. Von “Der Eine weilet unter uns” - “zu allen Zeiten.” über andächtigem Zuhören bei Gottesdiensten, schnellem Niederknien beim Vorbeigehen an Altären oder Reliquien, bis zum Aufstellen von Heiligenschreinen (natürlich inklusive Stifterbild) und Verzieren ganzer Kapellen: Die Vielzahl und idealerweise die Allgegenwart und Selbstverständlichkeit ceridischer Elemente und ganzer in die Breite wirkender Szenen bringen letztlich mehr für das Gefühl aller (auch Nicht-Ceriden), als jedes Charakterspiel und jedes Hintergrundwissen. Genau deshalb ist es bewusst kein Problem, wenn Spielende über den Rahmen hinaus nicht so viel über das Ceridentum wissen. Ihr Mitmachen bei Ritualen und die vielen Möglichkeiten für kleine Gesten im Spiel ist viel wichtiger für “das Ceridentum” auf Con, als jedes Hintergrundwissen.

5. Spiel an Umfeld und Con anpassen

“Larp is auf’m Con” beinhaltet noch einen weiteren Aspekt, der sehr wichtig ist für alle Fragen in Richtung “Wie verhalte ich mich mit einem ceridischen Charakter auf Cons, die … anders sind.”: Unsere Hintergründe sind Geschichten. Was auf Cons passiert ist, sind nach diesem Con Geschichten. Geschichten in unserem Kopf. Und solche Geschichten können für die Anforderungen des aktuellen Cons immer angepasst werden. Natürlich wollen, wir, dass die Geschichten in unserem Kopf zu den Geschichten in den Köpfen der Leute passen, mit denen wir zusammenspielen wollen. Aber davon abgesehen gibt es keinen Grund, warum wir persönliche Hintergründe oder Erinnerungen unserer Charaktere nicht anpassen können. Vielleicht auch nur für die Zeit eines Cons. Auch die Realität ist voll von unterschiedlichen Wahrnehmungen, interessanten Erinnerungsvarianten und dergleichen.

Was ich sagen möchte: Es ist absolut in Ordnung, den eigenen Charakter und sogar den weiteren Hintergrund zu “verbiegen”, damit sie auf Cons funktionieren oder damit bestimmte Szenen gut werden. Und es ist guter Stil, solche Situationen auch bei anderen zu erkennen - und dann nicht auf diesen Inkonsistenzen herumzureiten. Gerade wenn es darum geht, ceridische Charaktere in nicht-ceridischen Umfeldern zu spielen.

Dabei ist die Frage nicht, wie sich Charaktere aus einem ceridischen Hintergrund in einer High Fantasy Umgebung verhalten würden, sondern, wie wir als Spieler in diesem Umfeld Spaß haben können, ohne dabei anderen den Spaß zu nehmen. Letzteres ist wichtig, weil ein gut gelaunter Knüppel-Mob zwar unbestritten für seine Teilnehmer spaßig ist, aber nur bedingt für seine Opfer und noch seltener für die Gesamtszenerie förderlich. Durchdachtes antagonistisches Auftreten dagegen sehr wohl.

Ceridentum spielen bedeutet also besonders die folgenden Themen als Con-abhängiges Spektrum zu bespielen.

  • Magie und Magiewirkende: Magie ist ein Geschenk des Einen, das durch den Bozephalus vor der Zeit gegeben wurde. Die Menschen sind noch nicht bereit für dieses Geschenk und deshalb entspringen aus ihr Schaden und Bosheit. In ceridischen Ländern wird Magie nicht offen praktiziert. Das bedeutet nicht, dass jeder ceridische Charakter Magieanwender mit Fackel und Mistgabel verfolgt. Der Konsens ist die Angst vor dem Unbekannten, Ablehnung bis vorsichtiger Neugier. Und zwar im Sinn der Kontrolle über die eigene Charaktergeschichte immer wieder neu. Ein ceridischer Charakter sollte nicht durch Abstumpfung lernen, dass das ja “Fingerfuchtler” sind, die man im Kampf kaltblütig zuerst abknallt. Gerade die abergläubisch-vorsichtige Neugier und naiver Selbstbetrug (“Das ist ja mehr so Naturphilosophie”) ist unser Weg um Spielverweigerung (“Ich bin gegen Magie!”) zu vermeiden. Wichtig ist dabei vor allem den Charakter die daraus erwachsenen Erlebnisse möglichst immer wieder ein wenig vergessen zu lassen, damit Magie nie normal wird.
  • Die antimagische Wirkung ceridischer Gebet und Symbole kann ein eigener Weg in High Fantasy Umfeldern sein. Wenn Magie wirklich alltäglich ist, dann können wir ceridische Gebete und Symbole als eine Form der Antimagie bespielen und so sogar in Plot einbringen. Auch hier ist wichtig, dass das nicht selbstverständlich wird und in andere (Low Power) Cons getragen wird. Ceridentum können wir in Umfeldern, die auf Instant-Problemlöser Feuerzeug-Magie ausgelegt sind, als Instant-Anti-Magie nutzen, um Spaß zu haben und nicht das Spiel zu blockieren. Aber in allen anderen Umfeldern wird von Ceridenspielern lieber das Problem bewundert und abergläubisch daran herumgedoktert, anstatt selbstbewusst ein Augenkreuz drauf zu klatschen im OT-Wissen damit Anti-Magie gewirkt zu haben.
  • Missionierung wird in einer der Weisungen explizit gefordert und ist ein netter Ansatz, um auf Con Leute anzuquatschen. Zugleich ist es als kleine Ceridengruppe in der Fremde aber nur begrenzt sinnvoll und letztlich auch nicht das, wofür wir auf Con fahren. Diesen Aspekt unter “Heiden” komplett zu ignorieren ist legitim. Immerhin würde es ja auch aus IT-Sicht nichts bringen, Leute, die man seit ein paar Stunden kennt und die in der Fremde wohnen (oder gar wohnungslos sind) zu missionieren. Am verbreitetsten ist es, “ordentliche” Leute, mit denen wir schon bekannt sind und ein Vertrauens- oder Dienstverhältnis besteht, immer mal wieder daran zu erinnern, wie gut das Leben als Ceride ist. Wobei der Wert als Running Gag natürlich von Humor und Geduld des Gegenübers abhängt.
  • Verhalten gegenüber Fremdrassen fällt weniger unter “Was sollte ein Ceride tun?”, sondern mehr unter “Welche Wünsche sehe ich bei der Person hinter der Rolle - und was davon bin ich bereit zu erfüllen?” Denn im Ceridentum selbst sind Fremdrassen schlicht kein Thema. Bei klassischen Elfen, Orks und “Monstern” ist das einfach: Indem wir ängstlichen Respekt, eingeschüchterte Feindseligkeit bis hin zu blankem Horror spielen, erfüllen wir in den meisten Fällen die Wünsche der Spielenden. Schwierig wird es, wenn Fremdrassen als umgänglicher Charaktere bespielt werden, deren “unmenschliches” Aussehen eher ein exotisches Accessoire darstellt. Wenn man sowieso keine Lust auf das Spiel hat, ist abergläubische Angst und munkeln große Bögen laufen bisher immer funktioniert. Wenn man aber mit den Personen spielen möchten, ist es individuell völlig in Ordnung, spitze Ohren zu übersehen und das als “komische Leute aus fremden Ländern” zu bespielen, oder schlicht zu ignorieren. Oder der menschlichste aller Denk-Tricks: “Trolle sind natürlich alle menschenfressende Monster, die man auf Sicht töten sollte, aber der Shaarz hier, der ist doch einfach nur so ein Typ.” Einfach individuell offen aber allgemein ablehnend sein. Wichtig ist hier nur wieder, dass nichts davon dauerhaft die Rahmen des Ceridentums oder die generelle Angst vor dem Fremdartigen in Frage stellt. Eine etwas vernebelte Erinnerung von Charakteren ist da sehr hilfreich.

Bei alledem ist es natürlich auch möglich, individuelle Charakterentwicklung zu spielen. Meistens spielen wir unsere ceridischen Charaktere dann ja doch außerhalb ihrer Stammländer, wo sie lernen und wachsen können - wenn ihr das wollt. Meine persönliche Meinung ist, dass Heldenreisen und Charakterentwicklung im Larp abseits speziell dafür ausgelegter Cons überbewertet werden. Und natürlich hindert euch auch niemand daran, potenziell nervige Spaßkonzepte zu probieren.

Weil Larp nunmal auf’m Con ist, ist euer Spiel mit ceridische Charakteren das, was dieses Konzept und seine Wahrnehmung mit definiert. Ceridentum soll euer Werkzeug für gutes Spiel und gute Spielerlebnisse sein. Alle freuen sich, wenn ihr das Werkzeug gut behandelt und positiv mitgestaltet. Wenn ihr in ceridischer Rolle bewusst oder unbewusst gegen die Rahmen und wie gesagt spärlichen Hintergrundkonventionen des Ceridentums handelt, versucht damit zumindest positives Spiel zu generieren (kann auch antagonistisch sein), niemanden groß zu nerven und an entsprechender Stelle im Spiel klar zu machen, dass ihr gerade als IT-Individuum gegen die IT-Konventionen verstößt. Das Übertreten von Konventionen hat nur dann Bedeutung, wenn die Konventionen echte verankerte Konventionen sind. Im Larp bedeutet das oft, dass man sie dafür vor/nach/während dem Übertreten betonen und bespielen muss.

Eine Larp-Religion lebendig zu halten ist schwer (und lustig) genug. Eine antagonistische Einstellung zum “Mainstream”-Ceridentum auf normalen Cons ist da nicht zielführend, hat aufgrund der absichtlich dünnen Ausarbeitung kaum Ansatzpunkte und ist den anderen Spielern eher lästig und würde ignoriert.

6. Tipp zum Schluss

Viele Larper haben immer noch eine “Vorbildung” aus dem P&P oder Tabletop, wo es strikte redaktionell verwaltete Hintergrundwahrheiten gibt. Und Look & Feel des Ceridentums ist nunmal der einer altmodischen Kirche, wo es ebenfalls eine strikte redaktionell verwaltete Hintergrundwahrheit gibt. Man könnte sogar sagen, dass strikte redaktionelle Verwaltung von Hintergrundwahrheit ein Kernkonzept von organisierter Religion an sich ist. Deshalb ist es verständlicherweise unintuitiv, dass das Ceridentum OT anders funktioniert.

Das zu verinnerlichen ist nicht ganz einfach. Es ist ein bisschen wie Mystik und Zen: Man muss Widersprüchlichkeiten und Freiheiten aushalten, in ihnen mitfließen ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren. Und wir wissen auch, dass dieser Ansatz nicht für jeden etwas ist. Wenn du mehr IT-Wahrheiten und Material brauchst, um dich daran im Spiel festzuhalten,verbietet dir niemand, diese selbst zu erstellen - solange der ceridische Rahmen gewahrt bleibt. Wenn es gut gemacht und spielfördernd ist, nehmen wir das gerne in unser Spiel auf. Aber es wird nie “offizielle Lehre” werden, weil wir sowas schlicht nicht haben.

Meine ganz persönliche Erfahrung dazu ist: Religion und Kirche, auch das im Spiel inzwischen gut verwurzelte Ceridentum, sind im Larp Nebenschauplätze. Das Spotlight liegt auf anderen Aktivitäten. Sowohl als Spieler von Laien als auch von Klerikern möchte ich das Ceridentum IT ernst nehmen, aber OT nicht übermäßig viel Energie reinstecken müssen, die im Spiel sowieso nur am Rand relevant wird. Es lohnt sich aus meiner Sicht ab einem gewissen Punkt einfach nicht.

Die Sicherheit und das Wissen, mit denen ich als ceridischer Kleriker auftrete, kommt nicht daher, dass ich Energie in das Ceridentum gesteckt hätte. Ich habe aus Interesse Energie in mittelalterliches Christentum, Kirchenpolitik und Ordenswesen gesteckt. Aus der Basis klaue und improvisiere ich nach Laune und aktuellen Anforderungen auf Con. Und auf dieser Basis versuche ich, Dinge zu tun, die wenig Aufwand, aber gute Wirkung haben.

Das wäre mein abschließender Tipp: Wenn ihr das Gefühl habt, dass es da doch mehr im Ceridentum geben müsste: Beschäftigt euch nicht mit dem Ceridentum. Beschäftigt euch wenn ihr für sowas Zeit und Lust habt lieber mit dem mittelalterlichen Christentum (idealerweise quellenkritisch und abseits von “böse allmächtige Kirche”-Klischees) und filtert das durch die Rahmen und OT-Ideen des Ceridentums, um vielseitige Spielansätze zu kriegen.

Denn im Haus des Einen sind viele Zimmer.

Sebastian 06.2026