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Meinung/Spielphilosophie/TeilungRefutatio

Die Teilung der LARP-Szene frißt ihre Kinder

  • "La Révolution est comme Saturne: elle dévore ses propres enfants."
    Pierre V. Vergniaud, 31. Oktober 1793, vor seiner Hinrichtung

Im November 2006 wurde das LarpForum von seinen Betreiber*innen bis auf Weiteres geschlossen, da sie sich mit dem dort üblich gewordenen Diskussionsstil nicht mehr identifizieren konnten.

Forumsteilnehmer AlexanderSpecht schreibt im Forum seiner eigenen Kampagne von einer "Gruppe von Leuten [die sich] nicht benehmen konnten und jeden Spielstil, der nicht mit dem ihren kompatibel war, nicht nur kritisierten, sondern die Vertreter auch regelrecht beleidigten, sich über sie lustig machten und sie angriffen". Alexander bestritt später, mit diesem Satz tatsächlich einen einzelnen Spielstil oder auch nur eine bestimmte Gruppe gemeint zu haben, machte aber weiterhin Bemerkungen, die auf bestimmte Personen und Meinungen zu deuten scheinen (etwa "Die HiFas wurden ja großteilig einfach mundtot gemacht, indem sich auf eine einzelne Gegenmeinung gleich der ganez Haufen gestürzt hat und das leider oft nicht gerade höflich."). Es kommt natürlich in den Sinn, wer mit "der ganze Haufen" gemeint sein dürfte, jedoch fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie der Spielstil aussieht, der all diesen Leuten gemeinsam sein soll und der so vehement von Anderen abzugrenzen sei.

In der vermutlich gemeinten "Gruppe" befinden sich Leute, die sich mit historischer Ausrüstung wohlfühlen und dabei eine Präzision entwickeln, mit der sie beim Reenactment besser aufgehoben wären. Es gibt dort auch Leute, die sich Fantasykostüme nach Schnitten aus der Goth-Szene fertigen. Es gibt dort Leute, die nur Bettelmönche oder Bäuer*innen spielen. Es gibt dort auch heroische Ritter, hohe Adlige und Heerführer ganzer Groß-Con-Lager. Es gibt dort Leute, die pseudohistorische Szenarien schätzen. Es gibt dort auch Leute, die sich gerne mit wandelnden Baumwesen prügeln. Es gibt dort vehemente Verfechter*innen von punktelosem Spiel, Anhänger*innen üblicher Punkteregelwerke und Leute, denen das Regelwerk schlicht egal ist. Es gibt dort Freunde kleiner, familiärer Einladungscons und Leute, die begeistert auf Massenveranstaltungen rennen. Es gibt dort Leute, die alle Ausrüstung selbst anfertigen und Leute die alles kaufen oder für Geld machen lassen. Derjenige, der meiner Meinung nach im Umfeld dieser "Gruppe" den unerträglichsten Diskussionsstil besitzt, spielt einen DragonSys-Magier, während der Mensch, den ich für seine Fähigkeit, stets geduldig, relativierend und differenziert zu schreiben am meisten bewundere, eher in die punktelose, fantasy-arme Ecke paßt.

Langer Rede kurzer Sinn: wenn es dieser "Gruppe" tatsächlich um die Ausgrenzung irgendwelcher Spielstile ginge, hätte sie sich schon lange von innen heraus selbst zerfleischen müssen. Wenn Alex aber tatsächlich nicht von einer bestimmten, homogenen Gruppe gesprochen haben sollte, wäre der zitierte Satz in sich widersprüchlich.

Ich kann die Kritik, die Alex vorbringt zwar nicht völlig von der Hand weisen, denke aber, daß hier andere gruppendynamische Prozesse am Werk sind, als nun gerade der Widerstreit von Spielstilen. Das Feindbild, das in der Kritik konstruiert wird, existiert jedenfalls meiner Meinung nach in dieser Form nicht.

Mir wird gesagt, der Zusammenbruch des Larpforums müsse doch ganz in meinem Sinne sein, manifestiere sich dort doch auf feinste Art und Weise die von mir propagierte "Teilung der LARP-Szene".

Diese Einschätzung verkennt allerdings wieder mal, was ich mit diesem Schlagwort eigentlich gemeint hatte.

Es entstand als Erwiderung auf die Vermutung "wir wollen doch alle dasselbe" und sollte zu einer differenzierteren Sichtweise führen. Vordergründig ist die Sicht mittlerweile etwas differenzierter, aber an die Stelle der großen Gleichmacherei ist Schubladendenken getreten.

Ich werde gar nicht mal so selten auf DragonSys-Fantasy-Cons mit großer Überraschung begrüßt, weil mir nicht zugetraut wird, solche Veranstaltungen zu besuchen. Und als ich neulich ein Foto eines Fantasy-Charakters aufgenommen habe, wurde mir unterstellt, das sei ausschließlich aus Häme geschehen, damit sich die Gewandungsnazis über das Kostüm amüsieren können [1]. Das geht sogar so weit, daß sogar mal jemand überrascht war, daß ich bestimmte andere LARPer*innen überhaupt persönlich kenne, wo die doch vermeintlich so einen anderen Spielstil pflegen.

In Forumsdebatten werden bestimmte Standpunkte oder Motivationen unterstellt, wenn sich jemand schon mal als einem bestimmten "Lager" zugehörig erwiesen hat. Die Berechtigung, bei bestimmten Themen mitzureden, wird auf Basis der vermeintlichen Lagerzugehörigkeit aberkannt. Diskussionen verhärten sich immer wieder entlang bestimmter Linien und Leute werden in Fraktionen einsortiert, die homogener erscheinen, als sie es sind. Diese Fraktionen liefern dabei griffige Feindbilder, aus denen sich auch Einschätzungen auf persönlicher Ebene ableiten lassen.

Die Differenzierung hat nichts zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. Früher beschimpften wir uns, weil wir das diffuse Gefühl hatten, die anderen hätten "das LARP" irgendwie nicht richtig verstanden, heute beschimpfen wir uns, weil die anderen vermeintlich einer anderen Fraktion angehören. Die Grabenkriege sind nicht verschwunden, sondern die Gräben haben jetzt sogar Namen.

Das Schlagwort von der Teilung hat in der Tat bewirkt, daß die Gegensätze wahrgenommen werden, was durchaus meine Absicht war. Leider wird sich mittlerweile allerdings mehr auf die Gegensätze konzentriert, als auf die Gemeinsamkeiten, was ich sicherlich nicht beabsichtigt habe und durchaus zuweilen bedauerlich finde.

Diejenigen, die meinen Text - oder besser gesagt eigentlich meist nur das Schlagwort von der "Teilung der LARP-Szene" - zitieren, meinen in der Regel damit, daß es Spartencons geben solle und sich die Leute verschiedener Lager aus dem Weg gehen sollen. Eine Apartheid der Spielstile. Wenn man sich TeilungDerLARPSzene aber mal wirklich durchliest, war das so gar nicht unbedingt gemeint. Die Teilung besteht nicht in der Maxime "jede*r geht nur auf ihre Art Con", sondern eher in einem "mache Dir klar, auf was für einer Sorte Con Du bist".

Damals habe ich mal geschrieben: "das Problem ist m.M.n., daß man keine Kompromisse eingehen kann, bevor man sich klar gemacht hat, daß es unterschiedliche Positionen gibt, die einen Kompromiß erforderlich machen."

Daß es unterschiedliche Positionen gibt, scheint sich mittlerweile herumgesprochen zu haben. Von den Kompromissen sind wir aber offenbar noch genausoweit entfernt, wie damals.

--RalfHüls, 16.11.2006, 25.10.2010

[1] Ich hoffe aufrichtig, der betreffende Spieler freut sich über das eigentlich recht gelungene Bild.

Siehe auch Die Teilung der LARP-Szene ist unser Auftrag


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