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LarpWiki: FrüherWarallesBesser

Larpmeinung: Früher war alles besser

Ausgehend von einem Thread im LI Forum, den man hier nachlesen kann, habe ich meinen persönlichen Rant dazu abgesondert, den ich hier auch mal etwas erweitert zum Besten geben, getreu dem alles umschließenden Motto: "Wenn du dir keine Mühe gibst, wird garnix besser!"

Der ursprüngliche Autor reklamiert in mehreren Stufen, dass früher weniger vernünftige Gewandung erhältlich war, alles teuer war als heute und die Gewandungsarroganz zunimmt.

Als bekennender Vertreter der "Ja, ich gebs ja zu, dass ich schuld bin!"-Generation erhebe ich Einspruch an folgenden Punkten:

Historischer Kontext

Stimmt so nicht. Es gab bereits seit 1988 und früher die Möglichkeit, die entsprechenden und passenden Gerätschaften zu erwerben, allerdings war der persönliche Aufwand für den Erwerb höher. Die "Szene" war beherrscht von einigen wenigen sehr großen und vielen sehr kleinen Firmen. Da überregionale Werbung ausfiel (meist aus Kostengründen, oft aus Mangel der Plattform, wo sie dargeboten werden konnte), waren diese nur unzureichend bekannt und alles konzentrierte sich auf 1-2 Anbieter mit bekanntem Programm (und als Betreuer der Bestellabteilung und des Kataloges eines dieser Anbieter kann ich sagen, dass sich das Interesse an "authentischeren Waren" selbst zu niedrigeren Preisen stark in Grenzen hielt). Historische Schnitte waren nicht allgemein bekannt, konnten aber auf Wunsch sehr einfach über die SCA, existierende Mittelaltergruppen und Ähnliche beschafft werden. Selbst die Drachenschmiede hatte mit dem Drachenei in Hamburg vom Moment ihrer Gründung an Konkurrenz. Man musste sich halt die Mühe geben, die Anlaufstellen (Läden und P&P Cons in Deutschland, MA Märkte überalle) zu besuchen und Kontakte zu knüpfen.

Gewandung im Zeitkontext

Sehr subjektive Erfahrung. Kettenhemden konnten für etwa 90,-- DM selber gebaut werden (DAS geht übrigens immer noch, bedingt durch Teuerung kostet was mittlerweile allerdings etwa 100,-- Euro), alleine in meinem Bekanntenkreis waren es etwa 20 Personen, die das gemacht haben. Tschechenware kostete ab 400,-- aufwärts, maschinengestrickte englische Hemden etwa 600,--. Indische Hemden waren im Anrollen, die ersten wurden etwa 1990 importiert und kosteten dann etwa 200,-- DM. Helme etc. waren auf jedem durchschnittlichen MA Markt erhältlich, teilweise sogar auf Flohmärkten sehr günstig erwerbbar (es gibt Leute die sich damals für 200 - 400 DM Rüstungen aus der Historismus-Periode erworben haben). Vollplatten waren selten, weil viele den Weg zum tschechischen Schmied für die Anprobe scheuten, da damals die dortigen Schmiede noch Berufsehre besaßen und sich den Kunden bestellten, um die Rüstung anzupassen. Da keine Regelsets existierten, fielen sämtliche Rüstungoptimierer weg, die heute die Landschaft verschandeln. Lederpanzer wurden selber gemacht, allgemein war die Tendenz, Dinge selber zu bauen, sehr viel höher als heute. Da sind Leute auch wirklich noch losgezogen und haben auf dem Sperrmüll das alte Ledersofa geschreddert, um Rüstungsleder zu bekommen. Und jeder 2. Larper wusste, wie man Bundschuhe herstellt, warum man an manchen Stellen Leder doppellagig macht und was notwendig ist, um Wolle wetterfest zu bekommen. Die "Bespaß mich!"-Fraktion war noch nicht so vertreten. Historisch korrekt war innerhalb der damaligen Wissensparameter durchaus ein Ansatz vieler Gruppen.

Nachsatz: Was übrigens bei diesen Preisvergleichen immer hinkt, ist die Basis, sprich die Vergleichbarkeit der Ware. Das oben aufgeführte Kettenhemd aus Schweißdraht, selber gewurmt und halbseitig flachgeschlagen, dann in 4 in 1 Technik verknüpft, steht in Konkurrenz zu einem 1200,-- vernieteten Hemd aus den USA, nicht zum 120,-- Euro Hemd aus Indien! Das macht es noch krasser, was durch Selbermachen an Geld einzusparen ist. Leider steht die moderen Konsumentenmentalität dem entgegen, die sofortige Verfügbarkeit zum günstigsten Preis preferiert.

Gewandung 2004

In den letzten Jahren hat sich eine gewaltige Zulieferindustrie gebildet, die unsäglichen Müll zu günstigsten Preisen verkauft und die, weil der durchschnittliche Anfänger nach wie vor wenig bis kein Geld hat, aber durch Gruppendruck und ~spielweise sich gezwungen sieht, bereits am oberen Ende der Ausrüstungspirale einzusteigen, sehr großen Zulauf bekommt. Vergleichbar eigentlich im "realen Leben (TM)" mit dem Run auf die Billigkopien namhafter Kleidungsstücke. Jedesmal, wenn ich Leute sehe, die in ihren Billigrüstungen herumlaufen wie eine Blechwurst und sich ständig in der Gefahr bewegen, durch ihre eigene Kleidung und Rüstung verletzt zu werden, frage ich mich, ob nicht wirklich ein TÜV Stempel für Rüstungen sinnvoll wäre. Das bezieht sich im Übrigen nicht nur auf die metallverarbeitende Industrie, sondern auf ihr Gegenpart, die Stofffabrikanten, genauso. Da wetteifern reine Wiederverkäufer asiatischer Massenware (oft unter dem Sammelbegriff "Schnürhemd" oder "Piratenhemd" zusammengefasst) um die Wette mit ambitionierten Nichtskönnern, für die Pannesamt und Goldborte das Höchste der Gefühle darstellt und die Dinge "schneidern", deren Aussehen erfahrene Kostümbildner für Massenproduktionen vorzeitig ins Grab schickt; da werden unsägliche Machwerke als "nach mittelalterlichem Vorbild" geschneidert angepriesen und wenn man nachfragt, weiß der Herr Schneider von Welt oft nicht mal, was er da näht und wo das "Vorbild" denn herstammt. Die einfache Möglichkeit, den unsäglichsten Müll via eBay an ein interessiertes Volk zu verhökern, tut ihr Übriges - das Ergebnis ist der grauenhafte Spagat zwischen vorgeblichen Ambientegründen, die für möglichst authentische Kleidung sprechen und unsäglichen Fetzen, die nicht mal als Karnevalskostüm Gnade vor meinen Augen finden würden. Halt, würden sie, wenn man sie als sowas auch verkauft und der Preis entsprechend ist. Ein Wollmischgeweberest, der mit 1 Naht zu einer Schlauchmütze vernäht wird ist nun mal keine 20,-- wert - egal, wie oft der Händler beteuert, es sei authentisch. Derartiger Stoff wäre unter der strengen Aufsicht einer Webergilde nicht mal mehr als Putzlumpen verwendet worden.

Was eigentlich die Krux ist, in bestimmten Spielerkreisen ist das "Mühe geben!" vollkommen aus der Mode gekommen. Man will nichts mehr selber machen, sondern alles bequem kaufen. Dummerweise sind aber oft die finanziellen Mittel begrenzt und dann greift die früher wirksame "ersetze Geld durch eigene Arbeit"-Strategie nicht mehr, weil es ja bequemerweise alles auch billiger gibt. Dass billiger meist (besonders bei handwerklich gefertigten Dingen) nicht unbedingt besser bezeichnet, ist in unserer industriell durchsetzten Gesellschaft bereits derart verdrängt, dass sich niemand mehr darüber Gedanken macht.

Schönes Beispiel dazu sind Aussagen wie die, dass ein als Billighändler berüchtigter Rüstungsanbieter in Zusammenhang mit einem "Megarüstungspaketdeal" die Qualtität seiner in Anatolien im Familienbetrieb gebogenen Metallrohre dadurch verbessert, dass er den Preis halbiert. Wer sowas ernsthaft glaubt, dem verkaufe ich gerne die Brooklyn Bridge oder andere allfällige Immobilien. Handarbeit ist Handarbeit und selbst billigste Arbeit kann nicht weniger kosten, wenn am Ende höhere Qualität rauskommen soll. Sagt Adam Riese, oder? Oder war das jetzt doch eher das Milchmädchen?

RalfHüls sagt ja immer: "Wer zu billig kauft, kauft zweimal", alleine ich zweifle daran. Aus rein wirtschaftlichen Verdrängungsgründen wird nämlich Folgendes passieren: Die Billiganbieter werden den Markt zuerst überschwemmen mit ihren Blechteilen und den Kettenhemden zum Sonderpreis ("Buy one, get one free" ist nicht mehr weit!). Damit wird es sich für kleinere Anbieter und Händler nicht mehr lohnen, eine Lagerhaltung der doch recht teuren Waren zu gewährleisten, die Lieferzeiten werden für qualtitativ hochwertige Ware länger, die gesamte Bestellmenge aller Hersteller schrumpft, mehr und mehr werden aufhören, weil es unrentabel ist und irgendwann wird der Markt für Rüstungsteile zu mittleren Preisen zusammengebrochen sein, besonders, weil nach dem EU -itritt der Tschechen die Preise unweigerlich steigen werden. Für Reenactoren ändert sich garnix, deren Hersteller sind oft auf Jahre ausgebucht und werden als Geheimtipp gehandelt. Irgendwann wird es dann nur noch das Billigzeug geben und alle sind glücklich, oder?

Gewandungsarroganz

Ein üblicher Trugschluß. Die angeblich als Gewandungsarrogante Säcke beschriebenen sind meist garnicht die Gruppe, die am heftigsten gegen Pannesamt und ähnliches wettert. Es ist halt einfach so, dass jemand so behandelt wird, wie er sich aufführt. Wer mir auf offenem Larp begegnet und ein T-Hemd trägt, das über seiner Jeans hängt, mit einem dicken Seil gegürtet ist an dem ein Lederbeutel hängt, dazu einigermaßen unauffällige Schuhe ohne Adidas Streifen, Puma Logo oder Nike Schriftzug, wird von mir als "Anfänger, hat wahrscheinlich wenig Geld für Ausrüstung, aber hat das Prinzip verstanden und versucht, aus dem, was er hat, das Beste zu machen" eingestuft und ich kann mit ihm vollkommen normal spielen. Wenn derselbe Mensch mir nun erklärt, er sei der Prinz von Bergament und überhaupt ein ganz Toller und superwichtig/mächtig/gefährlich, lach ich ihn aus und geh weg. Das hab ich allerdings 1986 auch schon so gemacht. Also war ich entweder schon immer ein arroganter Sack, oder das Bewertungskriterium sollte dringend geändert werden, wann man einer ist und wann man nur verhindern will, dass man vorzeitig erblindet.

Die schlimmsten "Das beleidigt mein Auge und mein Ambiente!" sind meiner Erfahrung nach grade die, deren Spiegel wohl seit Jahren kaputt ist. Das "Splitter im Auge der anderen, aber den Balken im eigenen übersehen!"-Prinzip? Das bezieht ausdrücklich auch diejenigen ein, die sich für ihre Statur oder ihr Auftreten unpassend kleiden. Wie ein guter Freund von mir zu sagen pflegte: "Wer sich sexy anziehen will, sollte zuerst einmal sexy sein!" - sonst wird das nämlich wirklich nichts mit dem Nachbarn. Gerade bei Frauen (und sogar besonders bei den wirklich hübschen und anatomisch ansprechend geformten) gilt mMn immer noch der Spruch "Mehr ist mehr" und wenn man ohne weitere Hilfsmittel bereits auf 3 m Entfernung gynäkologische Untersuchungen anstellen kann, dann ist das Ziel irgendwie nicht erreicht, finde ich. Aber hier gilt oft "Beauty lies in the Eye of the Beholder", und jeder, der AD&D kennt, weiß, was DAS heißt.

Der Anspruch an Gewandung und Ausrüstung ist immer zuerst ein Anspruch an einen selber. Wenn dann andere dies als Beispiel nehmen und sich an einem derartigen Vorbild messen wollen, sich aber ungünstigerweise jemanden mit dem 15fachen Monatseinkommen aussuchen, ist das persönliches Pech und kein Grund, dem dann Gewandungsarroganz vorzuwerfen, nur weil er sich die besseren Sachen leisten kann. Und allfällige "Schnürlederhosen sind bäh!"-Ausrufe falsch zu interpretieren, ist ja auch beliebt, weil sich keiner die Mühe macht, die logische Gegenfrage zu stellen: "Was mache ich dann, wenn ich eine andere Hose haben will?" Da kommt nämlich bei ernsthaften Vertretern sofort die Antwort wie und was. Und komischerweise sind diese Hosen dann auch noch billiger, besonders, wenn man sie selber macht. Sehr merkwürdig sowas. Aber das war ja wieder das mit dem "Mühe geben" (ich lass mir das übrigens grade eintragen :o))

Früher war alles besser (?)

Ach? Das muß ein anderes "Früher" gewesen sein als jenes, das ich reflektiere.

Man vergleiche dazu: GuteAlteZeit.

Heute ist die absolute Zahl der Spieler höher, damit ist automatisch die Zahl derer höher, auf deren Interessenindex Larp nicht Platz 1 ausmacht. Deren Bereitschaft, selber Dinge zu tun, mag wenig ausgeprägt sein, gerade durch die Verfügbarkeit von Billigramsch wird diese auch nicht unbedingt gefördert.

Subjektiv betrachtet war füher ein größere Tendenz zum "Mühe geben" im Sinne von selber machen, eigene Phantasie einsetzen, kreativ werden feststellbar. In bestimmten Gruppen ist die immer noch da und teilweise wird sie sogar erheblich gesteigert (ich verweise hier immer gerne auf die Entwicklung speziell bei Orks, die teilweise vom einfachen Gummimaskenträger zu sehr liebevoll geschminkten und damit wesentlich realistischeren Figuren wurden). Das oft geschmähte "obere Ende der Spirale", also die furchtbaren Gewandungspäpste und Rüstungskenner, zeichnet sich übrigens in zunehmendem Maß dadurch aus, dass sie Sachen selber machen, schlicht weil der Markt die von ihnen geforderte Qualität einfach nicht hergibt, und zwar zu keinem Preis hergibt. Deswegen nimmt die Zahl derer, die sich Rüstungen selber bauen, grade erheblich zu.

Fazit:

Wie Ralf so schön zitiert: Um es mit den Worten Erich Wiesners zu sagen: "Die gute alte Zeit ist nichts weiter als eine rückwärts datierte Utopie." Oder, anders formuliert, die geschilderte Problematik ist eine subjektive Beobachtung, die einer objektiven Untersuchung nicht standhält.

FredSchwohl 21.5.2004

Da wiederhole ich doch gern einen meiner Lieblingssprüche dazu: "Früher war alles viel früher." - Holger Pick


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