Editieren Diskussion Vergangenheit Dateianhänge

LarpWiki: SituationenSpielen

Situationen spielen

Allgemeines

Das reine Spielen einer Situation klingt erst einmal ganz simpel. Grundaufgabe: Man bringe eine Emotion oder eine Stimmung überzeugend und verständlich rüber, und reagiere angemessen auf sein Gegenüber.

Gar nicht mal so schwer, scheint es. Zumindest bis man manchen verzweifelten Spielversuch und dessen Scheitern gesehen hat. Tatsächlich übertreiben es viele in ihrem Bestreben, ihren Gegenüber zu einer Reaktion zu veranlassen. Natürlich ist man als Spieler in gewisser Weise genauso Regisseur der eigenen Szene und (in den Augen der meisten) die Hauptperson. Aber eine Hauptperson im Film wird nicht durch extremes Spiel auffallen - sondern dadurch, dass sie WIRKT. Und zwar natürlich. Auch auffällig ist, wenn eine Person immer und immer wieder die gleichen Sätze benutzt, als sei sie ein Papagei. LARP bezeichnet man nicht ohne Grund als SPONTAN-Theater. Und schließlich der Druckfaktor, dass eine Szene nicht einfach wiederholt werden kann, bringt manche den Tränen nahe. Aber es ist wie sonst in jedem anderen Spiel: Es wird gestutzt, gelacht und weitergemacht. Deswegen hier ein paar Ideen, das deutlich überspitzte Spiel zu mindern, Unterbrechungen zu meiden und das Spiel allgemein besser zu machen:

  • Beobachtet euch in realen Situationen. Überlegt und erinnert euch, wie ihr in gleichen bzw. ähnlichen Situationen reagiert habt, und wie stark das vom Umfeld abhing.
  • Merkt euch überspitzte Szenen, sprecht mit befreundeten Spielern, dass sie euch (OutTime natürlich!) sagen, wenn ihr es unbemerkt übertrieben habt. Wenn ihr Szenen findet, in denen ihr immer wieder übetreibt, hilft manchmal auch, diese Szenen mit Bekannten öfter zu üben.

  • Benutzt keine Standardsätze. Im Alltag kann man immer wieder beobachten, dass auf Standardsätze Standardantworten kommen - vermeiden lässt sich das durch reine Konzentration auf das, was man sagt. Lasst euch doch mal was Kreatives auf "Hat jemand ein Zeitgefühl?" einfallen, anstatt auf das - leere - Handgelenk zu schauen.
  • Mitdenken. Klingt simpel, aber spätestens, wenn man sich beim Grübeln nach einer Antwort erwischt, sollte man man mal ernsthaft darüber nachdenken, wie man spricht bzw. formuliert. Seien es (Kindergarten, ich weiß!) spielerische Assoziationsketten, die man mit Freunden durchspielt, oder das Verknüpfen total themenfremder Begriffe unter Zeitdruck. All das bringt Gehirnzellen auf Trab und euer Assoziationsvermögen auf den neuesten Stand.
  • Selbst wenn das Adrenalin im Blut kocht, behalte einen klaren Kopf. Das Adrenalin führt zu einem (auch geistigen) Tunnelblick, der einfach dadurch zu unterbrechen ist, dass man sich zum Denken zwingt. Dazu gehören auch:
  • Techniken aus der Prüfungsvorbereitung. Sie können Nervosität vermindern. Sei es, dass man nicht weiß, wie man als NSC die Spieler auf ein bestimmtes Thema bringt, oder das öffentliche Kundtun irgendeiner Nachricht: Tief durchatmen, klaren Kopf bewahren und mitdenken. Nicht stressen lassen, es ist nur ein Spiel!

-- Ineksi, 16.01.2007

  • Was auch helfen kann: Nicht ins kalte Wasser springen, d.h. nicht erwarten, dass man eine Minute nach dem Wort "Intime!" sofort in der Rolle drinsteckt, wenn man sich bis kurz vor diesem Zeitpunkt outtime über das letzte Fußballspiel unterhalten hat. Vielleicht kann man vor Spielbeginn ein wenig für sich sein und die letzten Erlebnisse des Charakters rekapitulieren, um sich dann besser in die entsprechende emotionale Lage hineinzuversetzen.

-- MarenS, 20.01.2007

Situationen spielen

Hier erst mal mein Ansatz als unvollständige Grundlage. Ich stelle es trotzdem schon rein, um eine Diskussionsgrundlage zu bieten. Als Ziel sehe ich einen gut strukturierten Artikel mit mehreren Übungsvorschlägen und Tipps.

Nachdem der Schauspieler seine Rolle gefunden hat muss er sie nun im Spiel zeigen. Er muss Situationen spielen. Er muss sich in Situationen einfinden und sie durchleben. Im üblichen Theater ist dieser Weg durch den Text, die Regie und Absprachen mit den Mitspielern festgelegt. Beim Liverollenspiel entsteht er erst im Moment - man kann sich nicht vorbereiten, man muss spontan reagieren.

Gefühle glaubhaft darstellen:

Es gibt ganz grundsätzlich zwei Wege, um Emotionen darzustellen. Beide sind miteinander verwoben, sie haben jedoch eben andere Schwerpunkte:

Bei beiden Wegen ist es unumgänglich es wirklich zu machen! Wichtig ist: Sich immer voll reinzuhauen, nicht halbherzig andeuten, sondern Situationen bis zum Ende ausspielen. Wenn du vor Angst laut schreien willst, dann schrei auch wirklich laut. Spiele es nicht nur an, sondern gehe (immer der Situation angemessen) voll und ganz rein!

Der Weg von innen nach außen

Da eine große Wahrhaftigkeit von den Spielern ausgehen sollte, möchte ich erst mal den Weg von innen heraus einschlagen. Wichtig ist, die Impulse, die von draußen kommen, aufzunehmen, und durch die Vorstellungskraft zu verstärken. Viele richtige Impulse haben wir in uns und diese können wir nutzen und weiterverarbeiten. Emotionen kann man durch Vorstellungskraft erzeugen. Obwohl ich weiß, dass das herannahende Skelett eigentlich ein verkleideter Mitspieler ist, will ich trotzdem Angst empfinden und diese ausspielen. Um es auch glaubhaft auszuspielen, muss ich mein Spiel emotional „unterfüttern“, d.h. das Spiel muss „innerlich angebunden“ sein, d.h. ich darf nicht nur äußerliche Angsthandlungen vollziehen (weglaufen, schreien, starr stehen bleiben, weinen, o.ä.), sondern muss mich zusätzlich um eine Emotion in mir selbst bemühen. Diese wird in der Regeln durch das Spiel des anderen schon im Keim vorhanden sein. D.h. ein auftauchendes Skelett erzeugt zumindest ein minimales Unbehagen, vielleicht auch nur weil eine Konfrontation droht. Diesem leichten Unbehagen muss ich nachspüren und es verstärken, sich quasi reinsteigern. Man sollte hinderliche Gedanken, wie z.B. „Man ist das Kostüm aber hässlich! Geht der nicht viel zu schnell für ein Skelett? Ist das jetzt Toni oder Achim? Wie viele EPs bringt der mir?“ möglichst verdrängen, und nach passenden Gedanken für die Situation suchen: „Sind da noch mehr? Bekomme ich Krankheiten wenn der mich kratzt? Ich will nicht sterben! Ich hab Angst!“ oder einfach nur „Scheiße, was mach ich? Ich will hier weg! Fuck, der bringt mich um!“ Und hierbei sieht man: Ganz wichtig ist, das richtige zu denken. Wenn ein Schauspieler gedanklich immer in der Situation ist, dann macht das Klassen aus. „Ohne Abstraktion kein In-Time“ (DanielJ). Wir müssen ständig unsere Fantasie bemühen, und störende Faktoren ausblenden. Wenn mir der viel zitierte Turnschuhträger ins Blickfeld läuft, dann ist es mein Nachteil, wenn ich mich über die Turnschuhe aufrege. Besser ist es für mich diese Schuhe auszublenden und zu abstrahieren. Denn wenn ich gedanklich immer in der richtigen Bahn bin, dann erhöht sich mein Spielerleben. Dann falle ich schwerer aus der Rolle, dann lebe ich sie und erlebe selbst, was mein Charakter erlebt, dann kommen wir zum eigentlichen Spaß und Kitzel des Liverollenspiels. Es ist zwar einerseits extrem anstrengend, befriedigt aber auch ungemein.

Zum „Reinsteigern“ will ich jedoch noch was hinzufügen. Ein Schauspieler muss jederzeit aufhören können. Er darf sich nicht in seinem Spiel verlieren und damit die Kontrolle über sich! Er muss immer Herr der Lage sein und sich zumindest mit einem wachen Auge noch beobachten. Ansonsten kann es gefährlich für ihn und seine Mitspieler werden.

Sich tiefer mit der Materie beschäftigen:

Sich im Leben beobachten: Ich glaube, dass es unerlässlich ist, dass sich der Schauspieler im Alltag immer wieder beobachtet. Wann empfindet er Wut, Hass, Schmerz, Liebe, Freude, Lust, Begeisterung u.s.w. und vor allem wie empfindet er sie? Jeder Mensch hat individuelle Ausdrucksformen, welche sich trotzdem bei den meisten Menschen ähneln. D.h., dass wir trotz unserer eigenen Form bei anderen Menschen in der Regel erkennen können, was sie gerade fühlen - zumindest, wenn sie es auch offen zeigen. Auch wenn jeder Mensch unterschiedlich lacht, so erkennen wir trotzdem, dass er lacht. Wichtig ist, seine eigenen Emotionen kennen zu lernen und diese dann auch so darstellen zu können. Wenn wir nur allgemeine Vorstellungen von Emotionen nachstellen, wird die Darstellung unglaubwürdig. Man muss immer aus sich heraus agieren. Wenn meine Figur gerade sauer ist und einer anderen Person gerade ihre Fehler vorhält, dann muss ich mir in erster Linie selbst glauben. Ich muss die andere Person wirklich meinen und ansprechen und nicht nur so tun als ob. Ich muss mich für den Augenblick wirklich, ganz und gar mit ihr streiten. Der Unterschied zum realen Streit ist, dass ich jederzeit aussteigen kann und der Streit keine persönlichen Verletzungen bei mir hinterlässt. Es ist trotzdem nur ein Spiel, aber es muss mit vollem Ernst gespielt werden. Man muss sich für den Augenblick manipulieren und sich ganz und gar der Situation hingeben - aber auch immer in der Lage sein, das Spiel zu beenden. Man bekommt schnell mit, wo die Grenzen sind.

Ein kurze Ergänzung zum letzten Abschnitt: Die Fähigkeit, im Spiel aufzugehen und sich dennoch nicht im Spiel zu verlieren, voll im Spiel zu sein und trotzdem Rollendistanz zu wahren, erfordert einiges an Übung. Rollenspieler haben oft viel Spielerfahrung, aber haben deshalb nicht automatisch gelernt, sich selbst in diesem Maße zu beobachten und zu kontrollieren - und das mit dem Ziel, die Kontrolle wieder soweit abzugeben, um sich ganz der Situation hinzugeben. HelgeBruhn 21.01.07

Der Weg von außen nach innen

Der andere Weg geht von einer Äußerlichkeit aus, die auf die innere Befindlichkeit ausstrahlt. Unser Körper nimmt eine Haltung an, die unsere Empfindungen beeinflussen. Dieser Weg wurde aus einer anderen Richtung wissenschaftlich belegt: Forscher haben herausgefunden, dass ein künstlich erzeugtes Lächeln sich auf unseren Gemütszustand auswirkt. Wenn wir eine Weile äußerlich lächeln, dann „meint“ der Körper, dass wir wirklich fröhlich sind und unsere Laune bessert sich. Motivationstrainer raten, einen Bleistift quer mit den Lippen zu halten, um die Stimmung zu verbessern. Das ist der gleiche Effekt: Die Mundwinkel ziehen sich leicht nach oben und der Körper hält es für ein Lächeln. Durch häufiges Wiederholen wird der Körper zusätzlich auf den Reiz konditioniert. Er reagiert schneller und zuverlässiger, d.h. die Emotionen springen schneller an. Da ich im Theater ständig auf meine Emotionen zurückgreifen muss, kann ich sie fast sekundenschnell einschalten, indem ich eine passende Körperhaltung einnehme. Das reicht vielleicht noch nicht, um ganz großes Theater zu machen, aber es bietet einen guten emotionalen Unterbau. Diese körperliche Konditionierung wird auch in anderen Lebensbereichen eingesetzt: Z.B. „laden“ Sportler Gesten oder Rituale mit positiven Erlebnissen und Stimmungen auf, um diese dann bei Bedarf durch die Gesten oder Rituale wieder abzurufen. Es gibt dabei keine festen Regeln, wie jemand auf eine bestimmte körperliche Haltung reagieren muss. Wer sich auf einen Stuhl setzt und einfach nur seine Muskeln anspannt, kann ganz unterschiedliche Emotionen hervorrufen. Sie werden am Anfang auch nicht besonders heftig aushallen. Es wird eher nur ein Spur von Gefühl sein, das jedoch durch häufiges Wiederholen immer stärker hervortreten wird. Wichtig dabei ist Ruhe, Geduld und eine Wachheit, die sich auf den eigenen Körper und die eigene Gefühlswelt richtet.

Zum Üben empfehle ich: Nehmt euch Zeit und einen ruhigen ungestörten Raum. Macht eine kurze Entspannung vorher, um runterzukommen und den Alltag für einen Moment abzulegen. Geht mit Ruhe an die Übungen ran. Probiert euch in Körperhaltungen aus und beobachtet, was passiert. Versucht es mit unterschiedlichen Längen und Intensitäten. Haltet die Haltung am Anfang ein bis zwei Minuten und horcht in euch rein.

Vorschläge:

  • Kauert auf dem Boden. Macht euch ganz klein und zieht euch, so weit es geht, in einem Punkt zusammen.
  • Setzt euch auf einen Stuhl und spannt alle Muskeln an, die ihr habt.
  • Stellt euch aufrecht hin und öffnet die Arme, so als wolltet ihr jemanden umarmen.
  • Haltet eine Faust nach vorne und spannt diese, so weit es geht an.

Probiert dabei ruhig Extreme aus. Ballt z.B. die Faust so sehr, dass sich die Fingernägel schmerzhaft in die Hand drücken (aber bitte verletzt euch nicht dabei). Auch hierbei gilt: Nur wer sich ganz reinwirft und die Handlung wirklich ausführt und sich ganz auf den Moment einlässt, der kann eine Wirkung erzielen.

Wenn ihr die ersten Erfahrungen gemacht habt und erste leichte Emotionen entdeckt habt, dann kombiniert den ersten und zweiten Weg; soll heißen: Begebt euch in eine körperliche Haltung und versucht euch in eine passende Emotion gedanklich „reinzusteigern“. Vorschlag: Kauert euch in eine Ecke und versucht euch vorzustellen, dass ihr der einsamste Mensch auf dem Planten seid, dass ihr nicht mehr weiterwisst in eurem Leben und die Welt ohne Hoffung und Freude ist. Nehmt euch Zeit dafür und seid geduldig mit euch. Wiederholt die Übungen und schaut, ob sich was verändert.

Beide Wege kann man getrennt voneinander üben. Je weniger ihr euch unter Druck setzt und Ruhe dabei habt, um so wahrscheinlicher werden eure Erfolgserlebnisse ausfallen. Aber seid geduldig mit euch. Versucht es mehrmals und freut euch schon über kleine Emotionen, die hochkommen. Mit der Zeit solltet ihr souveräner werden und diese auch automatischer abrufen können. Es ist aber ein langer Weg dahin.

Der auffälligste Unterschied zwischen guten und schlechten Schauspielern lässt sich hier erkennen: Die schlechten vollziehen nur äußerliche Handlungen, ohne emotional angebunden zu sein, also ohne sie emotional zu unterfüttern. Die guten geben ein Stück ihrer Seele preis, zeigen Emotionen und berühren dadurch den Zuschauer. Und der Unterschied ist für einen selbst auch offensichtlich: Es befriedigt ungleich viel mehr, wenn man mit seinem Helden mitgezittert, geliebt und geschwitzt hat, anstatt einfach seinen Text abzulassen. Darum habt Mut und gebt euch den Situationen hin, es können alle nur gewinnen.

KingKongo , Januar 07 mit Hilfe von Ineksi 23.01.2006


Zurück zu SchauSpiel