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LarpWiki: Meinung/Spielphilosophie/ConBestätigung

Spielbestätigungen

Im Larpinfo-Forum ergab sich Ende Juni 2004 eine Diskussion über den Stellenwert von Bestätigungen.

Am 1. Juli 2004 habe ich daraufhin zwei Artikel bei eBay zur Versteigerung angeboten. Es handelte sich um eine Bestätigung über 24 Punkte nach DragonSys und eine Bestätigung für ein Artefakt.

Die Auktion der Punktebestätigung endete bei €10,50 und die der Artefaktbestätigung bei €20,50.

Übrigens gab es schon früher mal eine eBay-Auktion, die heftig diskutiert wurde, dabei wurde allerdings ein fiktiver Adelstitel in einem Larp-Land versteigert und die Auktion wurde vorzeitig abgebrochen. Vgl. LI-Forum. Auch ich selber habe bereits früher mehrfach formlose Angebote in LarpForen gemacht, die aber wohl nicht ganz zu unrecht für Scherze gehalten wurden. Jedenfalls blieben dort die heftigen Reaktionen aus.

Die Reaktionen auf meine Versteigerung waren sehr verschieden. Es gibt Diskussionen in einigen Netzforen, ich habe zahlreiche Mails erhalten und auch der Vorstand des Oschenheim e.V. hat eine weitere Mail und zwei Telefonanrufe erhalten.

Beispiele für Reaktionen fanden sich im Larpinfo-Forum, im LarpEvents-Forum gleich an zwei Stellen, im Forum der Verborgenen Reiche, im Larp-Ahr-Forum, im Aturien-Forum, im Forum des Schwarzen Phoenix, im Westlande-Forum, im Orklager-Forum, im Ne'Hemar-Forum, im Nebelwölfe-Forum, im Donn-Nan-Forum, auf larpforum.org , in der LARP-RPG-Community, im Forum der Mondschwingengilde, im Forum der Phönix-Carta sowie im Gästebuch der Oschenheim-Homepage.

Die anonymisierten Inhalte der Mails habe ich unter /Mails zusammengestellt.

Einige Spieler halten die Auktion für eine gelungene Satire auf das Bestätigungswesen, andere werfen mir Pappnasigkeit, mangelnde InTime/OutTime-Trennung, die Absicht, das Punktespiel (oder gar das gesamte nichtkommerzielle LARP) zu zerstören, elitäres Gehabe, Geldmacherei oder gar Straftatbestände wie Urkundenfälschung und Betrug vor.

Ich bin kein Jurist, aber: eine Urkundenfälschung liegt m.E. nicht vor, da erstens m.W. nicht jedes Schriftstück eine Urkunde im juristischen Sinne ist und ich zweitens tatsächlich Oschenheim-SL bin und der Vorstand die Aktion kennt und billigt. Die Dokumente sind somit echt und keine Fälschung. Betrug liegt m.E. auch nicht vor, da ich exakt beschreibe, was ich verkaufe: ein Blatt Papier mit einer Aufschrift.

Im Übrigen ist das Bestätigungswesen mit hoher Wahrscheinlichkeit ursprünglich eine Kundenbindungsmaßnahme der ersten Inkarnation der Drachenschmiede (damals wurde ja auch eine zentrale Charakterregistrierung begonnen). Soviel zum Thema "unkommerziell".

Die Motivation hinter der Versteigerung war zum größten Teil die reine Neugier, sowie der Wunsch, die Untauglichkeit der momentan üblichen Bestätigungspraxis als Kontrollmittel zu dokumentieren. Ich persönlich halte Conbestätigungen als Kontrollinstanz nämlich für völlig überbewertet.

Das ganze System ist letztendlich nicht kontrollierbar. Es gibt so viele Orgas, daß die Echtheit einer Bestätigung nicht überprüft werden kann.

Selbst wenn man davon ausginge, daß niemand seine Bestätigungen selber schreibt, oder sich befreundete Orgas gegenseitig Bestätigungen zuschustern, stellt eine Bestätigung noch in keinster Weise sicher, daß man das, was da bestätigt wurde, auch gebrauchen kann. Die Vorstellungen von PowerLevel und FantasyLevel sind auch zwischen verschiedenen Orgas, die nach Punkteregeln spielen so inhomogen, daß man nie bedenkenlos alles akzeptieren kann, was anderswo bestätigt wurde.

Matthias H. erzählt gerne davon , wie er mal von einer erbosten SL angerufen wurde, weil seine Spaß-Orga irgendeinem Spieler ein bis zur völligen Albernheit überzogenes Artefakt bestätigt hatte. Der Anrufer hat allen Ernstes gefragt, wie man denn einen solchen Schwachsinn bestätigen könne. Die Antwort lautete (sinngemäß): "Was wollt Ihr? Der Spieler ist ein Idiot. Und wenn Ihr das Ding auf Eurem Con zulaßt, nur weil wir es 'bestätigt' haben, seid Ihr auch Idioten."

Es gibt keine allgemeingültige Vorstellung davon, was im Spiel "vernünftig" ist, es gibt kein Orga-übergreifend gleiches PowerLevel, es gibt keinen Standard dafür, wieviele EP zu vergeben sind. Ich kenne Orgas, die vergeben EP ohne Angabe, für welches Regelwerk. Das ganze System der "Bestätigungen" funktioniert de Facto nicht.

Nicht alles ist 'ne Tolle Sache, weil es "ehrlich Erspielt" wurde, incl. der EP-Zahl des Spielers. Ein Orga kann sich nicht darauf verlassen, daß ein Spieler eines best. EP- Niveaus oder ein bestimmtes Artefakt auf ihren Con paßt, nur weil alles redlich erworben wurde.

Eine Spielleitung darf bestätigen was sie will. Es gibt meines Wissens nirgendwo verbindliche Richtlinien, nach welchen Kriterien Bonus-EP oder Artefakte vergeben werden dürfen. Obendrein darf sich jeder "Orga" oder "Spielleitung" nennen. Damit ist aber auch der Sinn einer strikteren Kontrolle dieser Prozesse fraglich.

Das ganze System der Bestätigungen ist also extrem leicht ad absurdum zu führen (bzw. auf SL-Willkür zurückzuführen - was auf's selbe rauskommt ).

Das Bestätigungswesen wäre meines Erachtens nur sinnvoll, wenn alle Veranstalter teilnehmen würden und es eine zentrale Charaktererfassung sowie einheitliche Richtlinien über Artefakte und Kriterien der Punktevergabe gäbe. Das alles ist aber außer vielleicht in kleinen, geschlossenen Kampagnen, wie etwa der PhönixKampagne, nicht durchführbar. Einheitliche Regelungen für die gesamte "Szene" halte ich auch nicht für wünschenswert.

Es wird zuweilen vorgebracht, das System der Bestätigungen funktioniere, solange keiner schummle, aber wenn keiner schummelt, wofür dann die Bestätigungen? Hier könnte noch gemeint sein, daß die ehrlichen SLs die möglicherweise schummelnden Spieler kontrollieren, aber da SLs in der Regel auch Spieler sind und es keiner nennenswerten Qualifikation bedarf, um SL zu werden, ist diese Überlegung auch hinfällig.

Das Bestätigungswesen soll eine Kontrollfunktion haben, aber ein Kontollmechanismus, der nur funktioniert, wenn es eigentlich nichts zu kontrollieren gibt, ist wenig sinnvoll.

Die Auktion war nicht, wie vielfach unterstellt wird, als genereller Angriff auf punktebasierte Regeln im Allgemeinen gedacht. Ich spiele selber häufig nach DragonSys und habe keine spezielle Aversion gegen dieses Regelwerk. Ich glaube allerdings nicht, daß punktebasiertes Spiel nur mit Bestätigungen funktionieren kann, wie es ein Schreiber behauptet. Die wichtigen Mechanismen, wie punktegestützte Fertigkeiten und erfahrungspunktebasierte Charakterentwicklung funktionieren für den einzelnen Spieler im Prinzip auch ohne die Kontrollfunktion der Bestätigung.

Das alles könnte man dem Spieler auch einfach glauben. Es ist also keine zwingende Folge des Punktespielkonzepts, daß es Bestätigungen durch SLs geben muß. Was ohne die Bestätigungen wegfallen würde, ist lediglich die Kontrollmöglichkeit für spätere SLs. Diese ist aber, wie bereits erläutert, ohnehin fragwürdig.

Das Problem ist der innere Widerspruch im System der Bestätigungen. Man braucht das System nur, wenn man bösgläubig ist ("Spieler bescheißen und müssen überwacht werden"), aber es funktioniert nur, wenn man gutgläubig ist ("SLs handeln keine Bestätigungen auf eBay"). Daß Bestätigungen gefordert werden, impliziert Bösgläubigkeit. Wenn man aber bösgläubig ist, muß man auch davon ausgehen, daß Bestätigungen "gefälscht" werden. Also ist das herrschende System unzulänglich.

Daß es hier nicht eigentlich um einen Konflikt zwischen Punkteregeln und DKWDDK geht, mißt sich auch daran, daß die Gruppen der Befürworter und der Kritiker meiner Auktion absolut nicht Deckungsgleich mit den Anhängern der zwei Regelphilosophien sind.

Nebenbei bemerkt ist es allerdings dennoch so, daß die Tatsache, daß eine Bestätigung von Oschenheim (als DKWDDK-Orga) mit geringstem Rechercheaufwand als nicht ganz koscher entlarvt werden kann, bei meiner Überlegung, ob ich's wirklich machen soll, eine gewisse Rolle gespielt hat. Der angerichtete "Schaden" für die "Szene" ist damit nämlich noch vergleichsweise gering.

Ähnliches gilt für die Ausgestaltung des versteigerten "Artefakts". Eine Waffe, deren Schadenswirkung abhängig von einer nicht offensichtlichen Eigenschaft des Opfers ist, schien mir absurd genug, um anzunehmen, daß sie ohnehin von keiner SL zugelassen würde.

ChristophSchweers führt in der Larpinfo-Debatte an, daß Conbestätigungen ja nicht nur zur Kontrolle des Punktespiels und der Charakterfähigkeiten dienen, sondern auch einen ideellen Wert für den Spieler haben, der durch die Auktion zerstört würde, da sie den Spielern vor Augen führt, daß ihr Erinnerungsstück nur ein wertloses Blatt Papier sei.

Der Beitrag war zwar so ziemlich der erste, der einen Kritikpunkt enthält, den ich bereit wäre, anzunehmen, weil ich den ideellen Wert einer Bestätigung in der Tat nicht berücksichtigt hatte, sondern vor Allem auf deren Scheitern als Kontrollmechanismus gezielt habe. Aber bei genauerer Überlegung kann ich mich dem Argument dann doch nicht anschließen. Der Erinnerungswert eines Gegenstands wird ja nicht dadurch gemindert, daß es gleichartige Gegenstände anderswo zu kaufen gibt, sondern er ergibt sich aus dem persönlichen Bezug zu genau diesem Gegenstand. Insofern sollte auch die Versteigerung einer "falschen" Bescheinigung den Wert der eigenen "redlich erworbenen" Bestätigung nicht mindern.

Ich glaube aus dem Gros der Diskussionen und Mails herauszulesen, daß es den Meisten eben nicht darum geht, daß ich ihre ehrlich erworbenen Bestätigungen entzaubert habe, sondern es geht in der Tat um den Tabubruch, das den Bestätigungen zugemessene Vertrauen in Frage gestellt zu haben. Da wird von Bescheißen, geredet, vom Schummeln, von Powergamern, denen ich in die Hände spiele. Von der Empörung der "redlichen" LARPer über die Pappnasen. Das klingt für mich durchaus nicht danach, als sei die bagatellisierte Nostalgie der mehrheitliche Kritikpunkt.

Bleibt der Vorwurf der Geldmacherei und Abzocke. Und um diesen endgültig auszuräumen, habe ich folgenden Text per Mail an die Höchstbietenden geschickt:

  • Herzlichen Glückwunsch. Du hast die vermutlich erste auf eBay gehandelte Punkte-/Artefaktbestätigung ersteigert. Die Auktion war natürlich nicht vollständig ernst gemeint, sondern eine Art Test. Die ganze Angelegenheit hat in der Szene eine Menge Wellen geschlagen, da die Auktion für viele einen Tabubruch darstellt. Mir wurde in der letzten Woche alles Mögliche bist hin zum Betrug vorgeworfen.

    Mehr dazu unter ConBestätigung Der Zettel ist (wenn man vom Originalitätsfaktor mal absieht) völlig wertlos. Selbst zum Schummeln wird er nicht taugen, da sicherlich zu viele Orgas von der Auktion Kenntnis haben. Daher werde ich Dir die Bestätigung gerne auch ohne Bezahlung schicken. Immerhin wird es ein nettes Erinnerungsstück sein. Falls Du die Zahlung dennoch FREIWILLIG vornehmen möchtest, frage mich bitte nochmals gesondert nach den Daten unseres Vereinskontos. Tschüß und nichts für ungut. Ralf Hüls

Siehe auch hier und hier.

Das Gerücht, die ganze Aktion diene dazu, eine Oschenheimer Hofhaltung in dem Stil, den sich der Herr Markgraf und seine Schwester so vorstellen, zu finanzieren, rührt übrigens von einer Äußerung unseres Vorstands über einen Folgeplan her, der darin bestehen sollte, auf dem Drachenfest 2004 etwa 3000 Blanko-Bestätigungen zu verkaufen. Das war ein Scherz!!! Ich weiß auch nicht, wie man glauben kann, daß die oben beschriebenen zwei Exemplare ausreichen würden, ein solches Vorhaben zu finanzieren...

Ich ging aufgrund der Diskussionen bereits vor Ende der Auktion davon aus, daß die Dokumente weder von einem unbedarften Newbie, noch von einem schummelnden Punktespieler ersteigert werden, sondern von irgendwem aus der Riege der punktelosen Spieler, der es witzig findet, eine der sehr wenigen (zur Zeit m.W. fünf) existierenden Oschenheimer Bestätigungen zu sammeln. Und in der Tat ist mindestens einer der Bieter offenbar tatsächlich eher ein Sammler und punkteloser Spieler gewesen, der die Bestätigung in voller Kenntnis ihrer Wertlosigkeit und ohne sie einsetzen zu wollen gekauft hat.

Interessant finde ich im Nachhinein die Gegensätze in den Reaktionen. Einerseits wird argumentiert, meine Einwände gegen den Sinn von Bestätigungen seien trivial und altbekannt und man halte sich eben dennoch daran und die schwarzen Schafe würden schon irgendwann aufkippen, andererseits wird so getan, als hätte ich ein funktionierendes Kontrollsystem schlagartig entwertet. Wenn aber das System auf der Basis von sozialer Kontrolle funktioniert, dann kann eine solche Auktion doch keinen Schaden anrichten, da man kaum plumper und auffälliger bescheißen kann, als durch eine eBay-Auktion. Warum also die Aufregung?

Ähnlich verhält es sich mit der vermuteten Wirkung der Aktion. Einerseits wird prophezeiht, ich hätte einen fast schon apokalyptischen Niedergang des Hobbies heraufbeschworen, andererseits mahnt man mich, mich nicht zu sehr über eine gelungene Provokation zu freuen, da nach einigen heftigen Debatten in den üblichen LarpForen in ein paar Wochen wieder alles beim Alten sein werde. Ich neige auch zu letzterer Ansicht und zwei Wochen nach dem Ende der Auktion ist das bereits abzusehen.

Eine Anmerkung von OlliKüppers ist auch noch interessant: die eine Sache, die diese Auktion und das Echo darauf tatsächlich zweifelsfrei bewiesen haben, ist die Tatsache, daß gewisse Gerüchte, die in der Vergangenheit schon mal kursierten, daß auf eBay möglicherweise Punkte und Artefakte gehandelt würden, sicherlich falsch sind. Man hätte davon in den LarpForen gelesen.

Letztlich zeigen die Reaktionen meiner Meinung nach trotz allem, daß Bestätigungen weit überbewertet werden. Einige der Beschimpfungen bis hin zur Gewaltandrohung und die prophezeihten Auswirkungen auf die Szene lassen deutlich an Verhältnismäßigkeit vermissen. Insbesondere die mehrfach geäußerte Ansicht, Handel mit Bestätigungen würde "schönes Rollenspiel zerstören", erscheint mir persönlich einigermaßen absurd. "Schönes Rollenspiel" wäre für mich das, was hoffentlich auf einem Con als Interaktion zwischen den Charakteren passiert und hat nur sehr indirekt mit der Charaktergestaltung an sich zu tun. Hier ergibt sich für mich einmal mehr der Eindruck, daß viele Spieler für meinen Geschmack zuviel Wert auf den Teil des Spiels legen, der die regeltechnischen Ausgestaltung ihres Charakters betrifft. Anders ist es für mich nicht zu erklären, daß OutTime-Bestätigungen und "schönes" Rollenspiel gleichgesetzt werden.

--RalfHüls, Juli 2004


Siehe auch /Mails